Deutscher Gewerkschaftsbund

10.09.2015
BERICHT - Frau geht vor 2/2015

ver.di-Frauen schaffen Perspektiven!

Bundesfrauenkonferenz für Aufwertung der Sozial- und Erziehungsberufe

 

Rund 260 ver.di-Frauen aus dem gesamten Bundesgebiet diskutierten auf der 4. Bundesfrauenkonferenz unter dem Motto „ver.di-Frauen schaffen Perspektiven!“ in Berlin über die Digitalisierung der Arbeitswelt, prekäre Beschäftigung, Entgeltgleichheit, neue Arbeitszeitmodelle und eine bessere Vereinbarkeit. Auf der Konferenz forderten Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig und ver.di Bundesvorstandsmitglied Stefanie Nutzenberger deutliche Verbesserungen der Arbeits- und Lohnsituation von Frauen.

Power auf der ver.di Bundesfrauenkonferenz – mit dem Hit von Eurytmics „ Sisters are doin‘t it for themselves“ startete die ver.di Bundesfrauenkonferenz am 8. Mai in Berlin. Über 100 Anträge standen auf der Tagesordnung. Schwerpunkte bildeten die Chancen und Risiken der digitalen Arbeitswelt, eine lebensverlaufsorientierte Arbeitszeitpolitik, die längst überfällige Entgeltgleichheit sowie die weit verbreiteten sachgrundlosen Befristungen und die zu bekämpfende Frauenaltersarmut. Verabschiedet wurde unter anderem eine Resolution zur Aufwertung von Sozial- und Erziehungsberufen, in der die Delegierten die Tarifforderungen auf politischer Ebene und die Streikaktivitäten in den Betrieben solidarisch unterstützen.

Armut hat ein Gesicht und das ist weiblich

Als für Frauen- und Gleichstellungspolitik zuständiges Mitglied des Vorstands eröffnete Stefanie Nutzenberger die Konferenz und machte in ihrem Statement deutlich, dass das Ziel einer eigenständigen Existenzsicherung für Frauen auch im Alter gelten muss. „Frauen müssen heute und in der Rente von ihrer geleisteten Arbeit leben können, deswegen ist die Forderung nach existenzsichernden Einkommen so wichtig“, sagte Nutzenberger. Ein Weg führe dabei über die Aufwertung von frauentypischen Berufen, für die ver.di aktuell in der Tarifauseinandersetzung in den Sozial- und Erziehungsdiensten streite. „Nötig ist  auch eine Umwandlung von Minijobs in reguläre sozialversicherungspflichtige Beschäftigung. Denn vor allem Frauen stecken in der Armutsfalle Minijob!“, so Nutzenberger. Dass Frauen immer noch weniger als ihre männlichen Kollegen verdienen und überdurchschnittlich häufig von Armut und Altersarmut betroffen sind, sei ein gesellschaftlicher Skandal!

Kampf gegen Tarifflucht

Als gewerkschaftlichen Erfolg lobte die Vorstandsfrau die Einführung des Mindestlohns und machte sich dafür stark, keine Aufweichungen zu dulden. Ein weiteres Ziel sei der Kampf für Tarifverträge und Tarifbindung. „Sie verhindern, dass immer mehr Menschen sozial abstürzen, denn Tarifverträge sorgen für existenzsichernde Löhne.“ Auch gegen die zunehmenden Befristungen sprach sich die 51-Jährige aus sowie gegen die Ausweitung von Leiharbeit und Werkverträgen.

Gesunde Arbeitsbedingungen gefordert

Nutzenberger plädierte darüber hinaus für gesunde Arbeitsbedingungen und eine neue Arbeitszeitpolitik: „Wir brauchen einen verlässlichen Schutz vor psychischen Überlastungen und eine Arbeitszeitgestaltung, die den stetig wachsenden Arbeitsanforderungen Grenzen setzt. Wir brauchen eine lebensphasenorientierte Arbeitszeitpolitik, die die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, von Weiterbildungsphasen und flexiblen Übergängen in die Rente ermöglicht.

Bundesfamilienministerin wirbt für Familienarbeitszeit

Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig warb für die von ihr in die Diskussion gebrachte Familienarbeitszeit. Der Weg zur Gleichstellung führe über die Vereinbarkeit von Familie und Beruf: „Das ElterngeldPlus, der Ausbau der Kinderbetreuung und die bessere Vereinbarkeit von Familie, Beruf und Pflege sind Schritte hin zu einer Familienarbeitszeit, die Frauen und Männern Zeit für Familie und Chancen im Beruf ermöglicht. Die Politik, aber auch die Tarifpartner sollten das ermöglichen“, so Schwesig.

Die Familienministerin bezeichnete ver.di als starke Verbündete für die Gleichstellung von Männern und Frauen. „Mein Ziel ist es, dass Männer und Frauen gleichberechtigt und auf Augenhöhe gute Chancen im Berufsleben haben. Dazu gehören mehr Lohngerechtigkeit und eine Aufwertung der sozialen Berufe, in denen überwiegend Frauen arbeiten.“ Ver.di-Chef Frank Bsirske warb um Unterstützung der aktuellen Tarifauseinandersetzung für eine Aufwertung der Sozial- und Erziehungsdienste durch Wertschätzung und bessere Eingruppierungen. Frauenberufe gehörten endlich aufgewertet.

Chancen und Risiken der digitalen Arbeitswelt

Als Keynote sprach Dr. Kira Marrs vom Institut für Sozialwissenschaftliche Forschung e.V. München (ISF) über Risiken der digitalen Arbeitswelt und Entwicklungschancen von Frauen. Laut einer Oxford-Studie könne in den nächsten 20 Jahren jeder zweite Job in den USA wegfallen, sagte Marrs. Besonders betroffen seien dabei Berufe in den Bereichen: Transport/Logisitk, Verwaltung/Büro, Fertigung, Dienstleistungen, Verkauf, Baugewerbe. Der Wegfall von Arbeitsplätzen betreffe sowohl Bereiche mit hohen Frauenanteilen als auch mit hohen Männeranteilen.

Neue Arbeitszeitmodelle notwendig

Die Produktivitätssteigerung in vielen Branchen mache eine neue Arbeitszeitinitiative und neue Arbeitszeitmodelle notwendig, die eine partnerschaftliche Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie Work-Life-Balance ermöglichten. Dazu müssten jedoch Produktivitätsgewinne gerechter verteilt werden. Neben Gefahren der Digitalisierung wie steigende Verfügbarkeitserwartungen – zeitlich, örtlich und motivational, zeigte Karrs auf, dass auch eine Gestaltung der Digitalisierung im Sinne der Frauen möglich ist. So würde die Entkoppelung von Arbeitszeit und Arbeitsort wichtige Ansatzpunkte bieten für mehr Zeitsouveränität und Gestaltungsmöglichkeiten. Dazu müsse jedoch das „System permanenter Bewährung“ geknackt werden. Tarifliche und betriebliche Regelungssysteme für die Gestaltung der Flexibilitätsspielräume der digitalen Arbeitswelt seien unerlässlich.

Nach der Antragsberatung tauschten sich die Delegierten in einem World Café über gleichstellungspolitische Fragestellungen aus. In ihrem Abschlusswort lobte Karin Schwendler, Leiterin des ver.di Bereichs Frauen- und Gleichstellungspolitik, die konzentrierte und engagierte Arbeit der Delegierten. Sie verwies u.a. auf die nächste ver.di Frauen-Alterssicherungskonferenz am 9. Juli zum Thema „Reicht die Rente noch zum Leben?“. Zum Abschluss wünschte sie allen ver.di-Frauen viel Beharrlichkeit und Frauenpower für die gemeinsamen Aufgaben der nächsten Zeit.

 

Dieser Artikel ist Teil des Infobriefs "frau geht vor" der DGB Frauen.


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