Deutscher Gewerkschaftsbund

31.08.2015

Berufswahl als Karriere-Sackgasse?

Unterschiedliche Aufstiegschancen in Männer- und Frauenberufen

 

Von Britta Matthes und Basha Vicari

Nach wie vor wird die Berufswahl von Stereotypen geprägt: Pflege und Erziehung sind Frauendomänen, während technische und verarbeitende Berufe in Männerhand sind. Das hat Folgen für die spätere Karriere, denn Männerberufe bieten häufig auch bessere Aufstiegsmöglichkeiten. Die Schlussfolgerung, Frauen verstärkt in Männerberufe zu lenken, greift aber zu kurz. Denn auch Männer, die sich für einen Frauenberuf entscheiden, haben bessere Aufstiegschancen.

Eigentlich stehen heutzutage Frauen wie Männern alle Berufe offen. Trotzdem hat sich an der Geschlechterzusammensetzung der Berufe – trotz großer Bemühungen seitens der Politik und Wirtschaft, Männerberufe für Mädchen (z.B. durch den Girls-Day) schmackhaft zu machen – seit mehr als 30 Jahren wenig verändert. Frauen studieren nach wie vor häufiger Fächer wie Germanistik oder Psychologie oder erlernen Berufe wie Krankenschwester oder Erzieherin. Männer zieht es hingegen verstärkt in die Ingenieurwissenschaften oder in Berufe wie Werkzeugmechaniker oder Kfz-Mechatroniker. Und obwohl Mädchen (inzwischen) häufiger Abitur machen und bessere Schulnoten haben (Bildungsreport Nordrhein-Westfalen 2012), sind ihre Verdienst- und Karriereaussichten schlechter.

Dabei unterschieden sich junge Frauen und Männer hinsichtlich ihrer Berufsorientierung insgesamt weniger, als man vermuten würde: Frauen sind im Beruf vor allem soziale und zwischenmenschliche Aspekte wichtiger, Männern hingegen materielle Gratifikationen und gute Entwicklungsmöglichkeiten, doch die Unterschiede in diesem Bereich sind bemerkenswert gering (McDonalds Jugendstudie 2013).

Die Annäherung bezüglich der Berufsorientierung spiegelt sich jedoch nicht in der tatsächlichen Entscheidung für einen Beruf wider. Das mag z.B. auch an der geschlechtsspezifischen Selbsteinschätzung der Leistungsfähigkeit in bestimmten Fächern liegen: Laut den neuesten Ergebnissen der OECD-Studie zur Chancengleichheit der Geschlechter schätzen Mädchen ihre Mathematikkenntnisse schlechter ein als Jungen trotz vergleichbarer, wenn nicht besserer Leistungen (OECD 2015). Hinzu kommen die Präferenzen der Arbeitgeber bei der Stellenbesetzung, die häufig zur Aufrechterhaltung beruflicher Geschlechtersegregation beitragen.

Die geschlechtsspezifische Berufswahl ist nicht folgenlos: Da die Entlohnung mit dem Frauenanteil in einem Beruf sinkt, verdienen Beschäftigte in Frauenberufen besonders wenig. Darüber hinaus bieten Männerberufe bessere Aufstiegsmöglichkeiten als Frauenberufe – das wurde bisher für die USA nachgewiesen. Für Deutschland ist schon bekannt, dass mehr Männer in Führungs- bzw. Leitungspositionen zu finden sind als Frauen und dass sich an diesen Verhältnissen in den letzten Jahren nur wenig geändert hat.

Sind also die Aufstiegschancen davon abhängig, ob man in einem Frauen- oder Männerberuf ins Berufsleben einsteigt?

Wir haben untersucht, inwiefern die Wahl eines Frauen-, Männer- oder Mischberufes die späteren Aufstiegschancen beeinflusst. Dazu haben wir Daten aus der repräsentativen Befragung „Arbeiten und Lernen im Wandel“ (ALWA) ausgewertet, in der zwischen 1956 und 1988 Geborene befragt wurden. Zunächst haben wir analysiert, wie sich die berufliche Mobilität in den ersten zehn Jahren nach dem Erwerbseinstieg in Frauen-, Männer und Mischberufen entwickelt hat. Dabei sprechen wir von einem Frauenberuf, wenn der Frauenanteil bei über 70 Prozent liegt und von einem Männerberuf, wenn der Männeranteil über 70 Prozent liegt. Liegen beide Anteile unter 70 Prozent, handelt es sich um einen Mischberuf. Mit beruflicher Mobilität meinen wir nicht Jobwechsel, sondern Berufswechsel, bei denen tatsächlich andere Kenntnisse und Fertigkeiten erforderlich sind, um den Anforderungen im neuen Beruf gerecht zu werden.

 

Mobilitätsarten für verschiedene Berufe

Quelle: ALWA, eigene Berechnungen

Wie in Abbildung 1 erkennbar ist, sind solche Berufswechsel in den Frauenberufen am seltensten zu beobachten: 60 Prozent der Berufseinsteiger in einen Frauenberuf verbleiben in den ersten 10 Jahren in ihrem Einstiegsberuf auf der gleichen Position bzw. kehren nach Unterbrechungen in den Einstiegsberuf auf eine vergleichbare Position zurück. In Männer- und Mischberufen ist die Berufstreue deutlich niedriger. Dafür sind dort horizontale Berufswechsel, also z.B. ein Wechsel vom Maurergesellen zum Bautischlergesellen, deutlich häufiger anzutreffen.

Männer- und Mischberufe bieten demnach bessere Möglichkeiten, den Beruf ohne Positionsverluste zu wechseln. Ein Aufstieg innerhalb des Einstiegsberufs (z.B. ein Maurergeselle der zum Maurermeister wird) gelingt in Frauen-, Männer- oder Mischberufen etwa in gleichem Maße. Wird z.B. ein Maurer zum kaufmännischen Leiter eines Bauunternehmens, sprechen wir von einem Aufstieg, der mit einem Berufswechsel verbunden ist. Solche Wechsel können besonders selten von Einsteigern in Frauenberufen realisiert werden. Bei Berufseinsteigern in Mischberufen ist der Anteil derer, die einen Berufswechsel mit einem Aufstieg kombinieren schon höher als in den Frauenberufen. Den besten Ausgangspunkt, um in einem anderen Beruf eine höhere Position zu erreichen, bieten aber Männerberufe.

Das führt uns zu der Frage, wann die Schere hinsichtlich der Aufstiegschancen zwischen Frauen-, Männer- und Mischberufen aufgeht. Für den Vergleich, wie lange es jeweils bis zum Aufstieg gedauert hat, fassen wir Aufstiege mit und ohne gleichzeitigen Berufswechsel zusammen.

In Abbildung 2 sehen wir, dass sich erst vier Jahre nach dem Berufseinstieg der Anteil in Frauenberufen signifikant von dem in Männer- und Mischberufen unterscheidet. Nach fünf Jahren sind 15 Prozent der Berufseinsteiger in einen Frauenberuf aufgestiegen, während dieser Anteil in den Männerberufen schon bei etwa 20 Prozent liegt. Nach zehn Jahren haben in den Frauenberufen etwas mehr als 20 Prozent einen Aufstieg geschafft, während es in den Männerberufen knapp 30 Prozent sind. Männer- und Mischberufe bieten also über die Zeit bessere Aufstiegsmöglichkeiten als Frauenberufe.

 

Unterschiedliche Dauern bis zur Realisierung des Aufstiegs

Quelle: ALWA, eigene Berechnungen

Schon allein die Tatsache, dass sich Frauen für einen Frauenberuf entscheiden, führt also später zu schlechteren Aufstiegschancen. Damit bestätigt sich der für die USA bereits belegte Befund auch für Deutschland.

Sollten sich folglich Frauen besser für einen Männerberuf entscheiden?

Um diese Frage zu beantworten, haben wir ein komplexes Analysemodell getestet, in dem verschiedene Vermutungen gleichzeitig gegeneinander abgewogen werden. Hier zeigt sich, dass wenn Männer in einen Frauenberuf einsteigen, sie signifikant schneller und letztlich häufiger beruflich aufsteigen als Frauen. Auch für Mischberufe lässt sich dieser Tatbestand belegen: Männer, die sich für einen Mischberuf entschieden haben, haben bessere Aufstiegschancen als Frauen. Entscheiden sich hingegen Frauen für einen Männerberuf, unterscheiden sich ihre Aufstiegschancen nicht von denen ihrer männlichen Kollegen (siehe Abbildung 3).

 

Aufstiegschancen in Frauen-, Misch- und Männerberufen

Quelle: ALWA, eigene Berechnungen, Durchschnittliche marginalen Effekte unter Kontrolle des Bildungsgrads und weiterer Faktoren.

Ausgehend von diesen Befunden jedoch zu schlussfolgern, dass Frauen in Männerberufen einsteigen sollten, um bessere Aufstiegschancen zu haben, greift zu kurz. Es ist fraglich, ob ihre Aufstiegschancen in Männerberufen gleich bleiben, wenn zukünftig viel häufiger Frauen Männerberufe ergreifen würden. Wie unsere Analysen zeigen, führt der Erwerb eines weiteren (Aus-)Bildungszertifikates besonders in Männerberufen zu einem beruflichen Aufstieg. Vermutlich existieren in Männerberufen häufiger als in Misch- oder Frauenberufen etablierte Karrierewege. Dagegen scheint es in Frauenberufen relativ seltener höhere berufliche Positionen zu geben, die über berufliche Aufstiege besetzt werden. Bei der Berufsentscheidung sollte es also nicht darum gehen, Frauen pauschal zu empfehlen, einen Männerberuf zu ergreifen, sondern darum, dass mit einem Beruf bestimmte Karrierepfade eröffnet oder verschlossen werden.

Die Berufswahl selbst kann aber nur teilweise erklären, dass Frauen insgesamt schlechtere Aufstiegschancen haben. Einen wichtigen Teil der Erklärung trägt auch die Tatsache bei, dass Frauen gerade in Frauen- und Mischberufen beim beruflichen Aufstieg gegenüber Männern benachteiligt sind. Ein Grund dafür ist unter anderem die hohe Teilzeitquote von Frauen. Diese wirkt sich negativ auf die Möglichkeit aus, an Weiterbildungen teilzunehmen oder in Führungspositionen aufzusteigen.

 

Weitere Informationen:

  • Abele-Brehm, Andrea E./Steif, Mahena (2004): Die Prognose des Berufserfolgs von Hochschulabsolventinnen und -absolventen. In: Zeitschrift für Arbeits-und Organisationspsychologie 48: 4-16.
  • Achatz, Juliane/Gartner, Hermann/Glück, Timea (2005): Bonus oder Bias? Mechanismen geschlechtsspezifischer Entlohnung. In: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 57: 466–493.
  • Bildungsreport Nordrhein-Westfalen (2012): Information und Technik Nordrhein-Westfalen. Statistische Analysen und Studien NRW, Band 75, Nr.10.
  • Buchmann, Marlis/ Kriesi, Irene/Pfeifer, Andrea/Sacchi, Stefan (2002): Halb drinnen – halb draußen: Analysen zur Arbeitsmarktintegration von Frauen in der Schweiz. Chur/Zürich: Verlag Rüegger.
  • Die McDonald’s AUSBILDUNGSSTUDIE (2013): Pragmatisch glücklich: AZUBIS zwischen Couch und Karriere. Eine Repräsentativbefragung junger Menschen im Alter von 15 bis unter 25 Jahren. Institut für Demoskopie Allensbach.
  • Hausmann, Ann-Christin/Kleinert, Corinna (2014): Berufliche Segregation auf dem Arbeitsmarkt: Männer- und Frauendomänen kaum verändert. IAB-Kurzbericht 09, Nürnberg.
  • Kohaut, Susanne/Möller, Iris (2010): Führungspositionen in der Privatwirtschaft: Frauen kommen auf den Chefetagen nicht voran. IAB-Kurzbericht 06, Nürnberg.
  • Matthes, Britta/Biersack, Wolfgang (2009): Frauenberufe, Männerberufe: Karten neu gemischt. IAB-Forum 1: 18-23.
  • OECD (2015): The ABC of Gender Equality in Education: Aptitude, Behaviour, Confidence, PISA, OECD Publishing, Paris.
  • Trappe, Heike (2006): Berufliche Segregation im Kontext: Über einige Folgen geschlechtstypischer Berufsentscheidungen in Ost- und Westdeutschland. In: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 58: 50–78.
  • Reskin, Barbara F./Bielby, Denise D. (2005): A Sociological Perspective on Gender and Career Outcomes. Journal of Economic Perspectives 19: 71–86.

Dieser Artikel ist Teil des Infobriefs "frau geht vor" der DGB Frauen.


Nach oben

DGB-Projekt "Was verdient die Frau?"

Dein Sprungbrett – Webinare und Beratung für junge Frauen

DGB-Projekt "Vereinbarkeit von Familie und Beruf gestalten"

DGB-Projekt "Zwischen Familie & Beruf passt kein ODER"

Klischeefrei

DIREKT ZU IHRER GEWERKSCHAFT

DGB-INFOSERVICE EINBLICK

Das Hilfetelefon - Gewalt gegen Frauen

Perspektive Wiedereinstieg

Themenverwandte Beiträge

Bildergalerie
Bildergalerie der (Mitmach-)Aktion am Brandenburger Tor
Am 16. März 2018 haben wir gemeinsam mit der neuen Bundesfamilienministerin Franziska Giffey und dem neuen Bundesarbeitsminister Hubertus Heil die Lohnlücke (symbolisch) zum Schmelzen gebracht. zur Fotostrecke …
Artikel
Männer setzen Arbeitszeit-Standards
Eigentlich wenig überraschend: Es sind immer noch die typischen „männlichen“ Arbeitszeitarrangements, die den Standard setzen. Das gilt in Führungspositionen noch mehr als anderswo: Überlange Vollzeitarbeit, dauerhafte Präsenz, Reisebereitschaft, lückenlose Erwerbstätigkeit. weiterlesen …
Artikel
Letzte Chance: Fünften Förderaufruf der Sozialpartner-Richtlinie für Projekte zur Gleichstellung in Betrieben nutzen!
Der fünfte und letzte Förderaufruf zur ESF-Sozialpartnerrichtlinie "Fachkräfte sichern: weiter bilden und Gleichstellung fördern" (gemeinsame Initiative des BMAS, BDA und DGB) ist jetzt gestartet. Bis 21. September 2018 können Interessenbekundungen im Online-Verfahren beim Bundesverwaltungsamt eingereicht werden. Diesmal sind Träger mit Projektideen zur Umsetzung in den neuen Bundesländern sowie Lüneburg (Übergangsregion) besonders aufgerufen sich zu beteiligen. weiterlesen …

Zuletzt besuchte Seiten