Deutscher Gewerkschaftsbund

11.08.2015
Ausbildung in Teilzeit

Vereinbarkeit von Familie und Beruf auch für Auszubildende

 

Von Hanna Wolf und Frank Meissner

 

Um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie auch für junge Beschäftigte zu ermöglichen, können familienbewusste Maßnahmen bereits in der Ausbildungsphase greifen. Ein Beispiel für gute Praxis ist die Teilzeitausbildung für junge Mütter und Väter bzw. junge Menschen mit Familienaufgaben. Die Ausbildungszeiten können dabei je nach individuellen Bedürfnissen entsprechend unterschiedlich gestaltet werden. Durch eine Teilzeitausbildung haben junge Eltern die Chance den Einstieg ins Erwerbsleben zu meistern.

Bei einer Ausbildung in Teilzeit wird lediglich die tägliche oder wöchentliche Ausbildungszeit im Betrieb reduziert. Die Unterrichtszeiten in der Berufsschule bleiben unverändert. Die Ausbildung in Teilzeit führt in der Regel nicht zu einer Verlängerung der Ausbildungszeit und lässt sich flexibel in den Betriebsablauf integrieren. Liegt ein „berechtigtes Interesse“ vor (z. B. Betreuung des eigenen Kindes oder die Pflege eines nahen Angehörigen 1.Grades) ist eine Teilzeitausbildung grundsätzlich in allen anerkannten Berufen des dualen Ausbildungssystems möglich. Grundsätzlich gibt es zwei Varianten, wie die Teilzeitausbildung umgesetzt werden kann:

 

1. Der/die Auszubildende hat eine wöchentliche Arbeitszeit von mindestens 25 Std./Wo einschließlich des vollen Berufsschulunterrichts. Die Regelausbildungsdauer bleibt unverändert (z. B. drei Jahre gemäß der Ausbildungsordnung).

 

2. Der/die Auszubildende hat eine wöchentliche Arbeitszeit von mindestens 20 Std./Wo. einschließlich des vollen Berufsschulunterrichts. Die reguläre Ausbildungsdauer wird um maximal ein Jahr verlängert.

 

Mit der Novellierung des Berufsbildungsgesetzes mit Wirkung vom 01.04.2005 erhielt die Teilzeitberufsausbildung zwar eine gesetzliche Grundlage. Doch diese Form der Vereinbarkeit von Ausbildung und Familie wird bisher selten in der Praxis gelebt. Vielen Betrieben und jungen Erwachsenen ist diese Ausbildungsform noch nicht ausreichend bekannt. Darauf lässt die geringe Zahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge in Teilzeit schließen. Bundesweit wurden 2013 nur 1.638 derartige Verträge geschlossen. Dies entspricht einem Anteil an allen neu abgeschlossenen Ausbildungsverträgen des Jahres 2013 von lediglich 0,3 Prozent. Der Frauenanteil lag bei rund 93,6 Prozent. Die 2011 vom Bundesbildungsministerium veröffentlichte Studie „Teilzeitausbildung: Inanspruchnahme, Potenziale, Strukturen“, welche die Umsetzung der Ausbildung in Teilzeit untersuchte, zieht ein ähnliches Fazit: Anders als Teilzeitarbeit ist Teilzeitberufsausbildung nach wie vor kaum verbreitet. Fehlende Kinderbetreuung und bürokratische Hürden für Zuschüsse machte die Behörde dafür verantwortlich; aber auch starke Defizite im Wissen über die Möglichkeiten.

 

Seitdem der Fachkräftemangel spürbarer wird, entdecken jedoch immer mehr Unternehmen die Chancen familienbewusster Aus- und Weiterbildungsmodelle. Denn klar ist: Insbesondere junge Mütter ohne abgeschlossene Ausbildung sowie Frauen, die aus familiären Gründen aus dem Erwerbsleben ausgeschieden sind und dann nicht (mehr) über eine adäquate Qualifikation verfügen, werden in ihren Potenzialen oft unterschätzt. 2013 waren 45,6 % aller jungen Mütter (rund 102.000) im Alter von 16 bis unter 25 Jahren ohne Berufsabschluss und besuchten weder eine Schule noch absolvierten sie eine duale Ausbildung. Für sie bietet die Ausbildung in Teilzeit erstmals eine Chance auf eine Berufsausbildung oder zur Rückkehr in eine abgebrochene oder unterbrochene Ausbildung. Sie können – trotz Familienaufgaben – einen qualifizierten Berufsabschluss erreichen und dadurch für sich und ihre Kinder eine solide Lebensgrundlage schaffen. Damit verbessern sie auch ihre Chancen im späteren Erwerbsleben. Die Ausbildung kann junge Mütter und auch Väter aus einer möglichen Isolation holen und neue berufliche Perspektiven eröffnen.

 

Dr. Frank Meissner leitet das Projekt „Vereinbarkeit von Familie und Beruf gestalten!“ beim DGB-Bundesvorstand

Hanna Wolf ist Koordinatorin des Projektes „Vereinbarkeit von Familie und Beruf gestalten!“ beim DGB-Bundesvorstand

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