Deutscher Gewerkschaftsbund

25.08.2015
AUSBILDUNG UND BERUFSWAHL

Berufsorientierung als schulische Aufgabe

 

Von Hannelore Faulstich-Wieland

2004 haben Bundesregierung und Wirtschaftsinstitutionen einen „Nationalen Pakt für Ausbildung und Fachkräftesicherung in Deutschland“ vereinbart.

In diesem Rahmen spielt auch die Berufsorientierung eine wichtige Rolle: So wurde zwischen Bund und Ländern 2008 in der Qualifizierungsinitiative „Aufstieg durch Bildung“ vorgesehen, dass an allen allgemeinbildenden Schulen verbindlich Berufsorientierung durchgeführt werden soll, „auch mit dem Ziel einer Erweiterung des Berufswahlspektrums von Mädchen und Jungen“ (Bundesministerium für Bildung und Forschung 2008). In der Bilanz von 2012 stellen KMK und GWK dazu fest:

„In allen Ländern haben Schülerinnen und Schüler Möglichkeiten der Berufsorientierung, in den meisten Ländern sind diese Angebote inzwischen fester Bestandteil der Lehrpläne, Richtlinien bzw. Verordnungen. … Die BA unterstützt Schulen bei der Entwicklung eines auf die spezifischen Schulbelange abgestimmten Konzepts der Berufswahlvorbereitung und bietet an, sich an der Koordination der regionalen Akteure maßgeblich zu beteiligen, um damit einen Beitrag zur Verbesserung des Übergangsmanagements zu leisten.
Ergänzend unterstützen die Länder vielfältige regionalspezifische Initiativen, um junge Menschen gezielt für bestimmte Berufe zu interessieren und klassische geschlechtsspezifisch dominierte Berufswahlmuster aufzubrechen.“ (Kultusministerkonferenz (KMK) und Gemeinsame Wissenschaftskonferenz (GWK) 2012).

Die Geschlechterverteilung sowohl in der beruflichen Bildung wie bei den Studienrichtungen weist allerdings nach wie vor deutliche Ungleichgewichte auf, die insbesondere in der Berufsausbildung nachteilig für junge Frauen sind (vgl. DGB-Bundesvorstand, Abteilung Jugend und Jugendpolitik 2014).

Das führt u.a. zu Fragen hinsichtlich der schulischen Berufsorientierung: Kann Schule wirklich leisten, was ihr als Aufgabe zur Berufsorientierung angedient wird? Wo liegen die Probleme? Im Folgenden sollen am Beispiel von Hamburg – wo wir ein Projekt zu „Berufsorientierung und Geschlecht“ an Stadtteilschulen durchführen – einige Schwierigkeiten aufgezeigt werden.

 

Schulbedingungen erschweren Berufsorientierungsmaßnahmen

 

1. Der berufsorientierende Unterricht wird in einer Reihe von Schulen von den Tutor/innen (d.h. den Klassenlehrer/innen) erteilt. Das ist insofern sinnvoll, als diese Lehrkräfte im Allgemeinen die Schülerinnen und Schüler relativ gut kennen, weil sie über eine längere Zeit und mit vergleichsweise vielen Stunden mit ihnen arbeiten. Allerdings haben die wenigsten Tutor/innen eine Ausbildung für den Unterricht in Berufsorientierung. Selbst wenn sie Arbeitslehre-Lehrkräfte wären, spielte Berufsorientierung in der Lehramtsausbildung zu Arbeitslehre nur eine untergeordnete Rolle. Entscheidender ist m.E., dass viele Lehrkräfte an allgemeinbildenden Schulen selbst nur das allgemeinbildende Schulwesen durchlaufen und mit dem System der beruflichen Bildung keine eigenen Erfahrungen haben. Das zeigt sich durchaus in Schwierigkeiten im Unterricht, z.B. darin, dass primär Ausbildungsberufe des dualen Systems in den Blick kommen, während die vollzeitschulischen Ausbildungsgänge – in die viele junge Frauen einmünden – gar nicht thematisiert werden. Es zeigt sich auch darin, dass die allgemeinbildenden Abschlussmöglichkeiten, die eine berufliche Ausbildung sowie anschließende Berufstätigkeit bieten, den Lehrkräften nicht unbedingt präsent sind – zumal es auch durchaus schwierig ist, sich in dem Gewirr von formalen und faktischen Eingangsvoraussetzungen und den Chancen, die ein beruflicher Abschluss für weitere Karrieren bietet, zurechtzufinden.

 

2. Hamburg geht den Weg, in einigen Schulen Berufsschullehrkräfte für den Berufsorientierungsunterricht und die entsprechenden Beratungen einzusetzen. Das hat den Vorteil, dass diese Lehrkräfte über Erfahrungen mit dem Berufsbildungssystem verfügen. Allerdings sind auch sie normalerweise nicht ausgebildet, um das Spektrum der Berufe zu vermitteln. Zudem haben sie kaum Erfahrungen im Unterrichten von Jugendlichen, die erst 12 bis 14 Jahre alt sind.

 

 

flickr.com/CC BY-NC-ND 2.0/IOM

3. Die Schulen kooperieren mit außerschulischen Bildungsträgern, die den Jugendlichen Einblick in Berufsfelder bieten sollen. Allerdings sind z.B. solche Werkstatttage, wie sie in Hamburg von verschiedenen Bildungsträgern angeboten werden, offensichtlich nur bedingt in der Lage, die Jugendlichen für ihre Berufe zu begeistern, geschweige denn der Geschlechtertypik von Berufen entgegenzuwirken. So konnten wir in einer begleiteten Klasse feststellen, dass die Verteilung der Jugendlichen auf die Berufsfeldangebote (1. Friseur, Kosmetik, Verkauf, 2. Tischler, Glaser, Maler, 3. EDV, Metall, Elektro,) kaum reflektiert wurde und geschlechtstypisch verlief – entsprechend kamen sechs Schülerinnen in die Friseurgruppe, sechs Schüler und eine Schülerin erkundeten die Gewerke Tischler, Glaser und Maler und nur in der dritten Gruppe war die Verteilung mit vier Schülerinnen und drei Schülern ausgewogen. Nach der 14tägigen Erfahrung konnten sich die wenigsten Jugendlichen vorstellen, in dem erlebten Berufsfeld ein Praktikum zu machen oder gar eine Ausbildung in dem Beruf in Betracht zu ziehen. So vermerkt das ethnografische Protokoll der Auswertungsstunde:

„Es können sich allerdings nur relativ wenige SuS[1] vorstellen, in einem der insgesamt 9 Bereiche ein Praktikum zu machen. Insgesamt sind es sieben SuS von 20, in sechs Fällen sind es Schülerinnen, ein Fall ist unklar:
- Tischler, Glaser, EDV, Friseur: Alle nein
- Maler (Sw[2] vielleicht), Kosmetik (Sw ja), Verkauf (Sw ja)
- Metall (Sw ja + S? ja) Elektro (Sw ja, Sw vielleicht).“

 

4. Kooperationen mit außerschulischen Trägern passen häufig schwer in die Organisation von Schule mit ihren Stundenplänen, die auf wöchentliche Erteilung von einzelnen Doppelstunden ausgerichtet sind. Die Teilnahme an außerschulischen Aktivitäten bedeutet dann immer zugleich die Abwesenheit für Stunden, die anderen Fächern zugeordnet sind – und bringt das Gefüge eines kontinuierlichen, aber zugleich segmentierten Lernens noch mehr ins Wanken, als dieses ohnehin schulintern schon geschieht.

 

Geschlechtersensibilität ist kaum vorhanden

 

Die geforderte Ausweitung des Spektrums der Berufswahlen jenseits von Geschlechterstereotypen setzt sowohl bei den Akteur/innen der Berufsorientierung wie bei den dafür verwendeten Materialien Geschlechtersensibilität voraus – diese fehlt jedoch nahezu durchgängig. Abgesehen davon, dass noch weitgehend unklar ist, wie eine geschlechtersensible Berufsorientierung aussehen muss, fanden wir in den verwendeten (und verwendbaren) Heften, Übungsblättern usw. überwiegend einen wenig reflektierten Umgang mit dem Thema Geschlecht. So weisen viele Informationen keine geschlechtergerechte Sprache auf, sondern verwenden ausschließlich männliche Berufsbezeichnungen.

Lehrkräfte selbst nutzten teilweise weibliche Bezeichnungen, wenn sie die Schülerinnen ansprachen – allerdings dann, wenn sie ihnen einen Frauenberuf nahezubringen versuchten. Selbst eine von den Schülerinnen angebotene Gelegenheit, Technikentwicklung durch Frauen anzusprechen, wird nicht genutzt, sondern geschlechterstereotyp umgemünzt. Es geht u.a. um den Bereich Hauswirtschaft, den eine Schülerin auf die Frage nach Berufen einbringt. Das Protokoll vermerkt:

„Hediye (Sw) nennt Hauswirtschaft, L[3] will wissen, was eine Hauswirtschafterin macht. Hediye weiß es nicht so recht. An Levend (Sm) gewandt sagt L, dass Hauswirtschafter (m-Form) auch putzen und fragt, was sie noch tun. Die SuS albern herum und reden durcheinander. L schmunzelt, ermahnt dann aber zur Mitarbeit. Rojin (Sw) meint, dass sie (die Hauswirtschafter/-innen) Sachen neu machen – sie fuchtelt mit den Händen und sagt dann, dass sie nicht weiß, wie sie das ausdrücken soll. Besarta (Sw) meint, sie bauen Sachen und konstruieren Putzroboter. L greift den Putzroboter auf und erzählt, sie habe gestern eine Sendung im Fernsehen dazu gesehen. Einige SuS sagen aufgeregt, ja, das haben sie auch gesehen. L erklärt, dass Ingenieure (m-Form) solche Roboter konstruieren und Hauswirtschafterinnen (w-Form) im Haus arbeiten. Was sie denn noch machen außer putzen? Sie ergänzt selbst, dass sie kochen und waschen und alles das tun, was im Haus zu erledigen sei, das würden sie alle von zuhause kennen, all die Dinge, die wahrscheinlich ihre Mutter auch tue.“

flickr.com/CC BY-SA 2.0/Intel Free Press

Auch die den Jugendlichen häufig als Informationsquelle empfohlenen Berufsfilme auf Planet-beruf.de sind so gut wie nicht geeignet, Geschlechterstereotypen entgegenzuwirken. Vielmehr kann man vermuten, dass sie solche eher verstärken (vgl. Faulstich-Wieland/Scholand 2015).

Auch wenn durch das Bildungsketten-Programm inzwischen viel auf den Weg gebracht wurde, gilt - anders als die positive Bilanz der KMK – nach wie vor Katrin Mannekes Einschätzung auf der Regionalkonferenz Hamburg vom 6.12.2011: „Es gibt keine fundierte Didaktik der Berufsorientierung“ - erst recht keine gendersensible.

Es ist demnach noch ein weiter Weg zu einer konzeptionell durchdachten, zeitlich und räumlich gut realisierbaren und geschlechterreflektierten Berufsorientierung.

 



[1] SuS = Schülerinnen und Schüler

[2] Sw = Schülerin

[3] L = Lehrerin

Weitere Informationen:

 

Dieser Artikel ist Teil des Infobriefs "frau geht vor" der DGB Frauen.


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