Deutscher Gewerkschaftsbund

31.08.2015

Berufliche Entwicklungschancen fördern

Geschlechtergerechter Berufseinstieg in der chemischen Industrie

 

Von Irena Küstner und Cornelia Leunig

Einseitige, festgefahrene Stereotypen bestimmen immer noch die Berufswahl junger Menschen, das muss sich ändern. Auch Unternehmen müssen dazu ihren Beitrag leisten und Frauen und Männern gleichermaßen Berufsperspektiven bieten. Wie das gehen kann, zeigt ein Beispiel aus der chemischen Industrie.

Nicht nur in den Unternehmen in der chemischen Industrie, sondern auch in anderen Branchen wird bereits vielfältig gehandelt, um einen geschlechtergerechten Berufseinstieg und – aufstieg zu ermöglichen. Positiv ist, dass sich Betriebskulturen verändern lassen und sich langsam etwas bewegt. Dabei müssen Arbeitgeber Wert darauf legen, dass bei der Einstellung junger Auszubildender der gleiche Anteil von jungen Frauen und Männern gewährleistet ist, z. B. bei der Ausbildung von Chemikantinnen und Chemikanten. Sind weibliche Auszubildende in sogenannte atypische Berufe eingestiegen, müssen Meister und Ausbilder sowie Kolleginnen und Kollegen dafür sorgen, dass junge Frauen die gleichen beruflichen Entwicklungschancen erhalten, wie ihre männlichen Kollegen. Um dieses tatsächlich in die Tat umzusetzen, braucht es eine langfristige nachhaltige Personalpolitik in Unternehmen, die dieses im Fokus hat.

Aus der Erfahrung mit dem Mädchen-Zukunftstag wird deutlich, dass Erfolge sich langsam einstellen, aber eben auch, dass sie sich durch Beharrlichkeit einstellen. So fand der diesjährige Girls‘ Day in der Chlorfabrik des Unternehmens Bayer MaterialScience statt.

20 Schülerinnen zwischen 13 und 15 Jahren besuchten die durch den Betriebsleiter, organisierte Führung. Zuerst wurde die Messwarte besichtigt. Dort wurden sie durch eine Chemikantin über die Arbeiten der Elektrolyse, Chloraufbereitung und Absorption informiert. Danach ging es ins Technikum, wo eine Chemielaborantin durch Laborversuche die Wasserelektrolyse vorstellte. Im Anschluss erklärte eine Mitarbeiterin das Berufsbild und damit die verbundenen Tätigkeiten einer Ingenieurin. Ein Betriebsschlosser und ein Elektriker erklärten ihre Berufsbilder. Danach konnten die Schülerinnen sich praktisch betätigen, indem sie kleinere Arbeiten unter Anleitung ausführten. Der interessante und spannende Tag - mit vielen weiblichen Vorbildern - führte dazu, dass viele Schülerinnen in einem Feedback eine Ausbildung in der Sparte der technischen Berufe nach dem Schulabschluss in Erwägung zogen.

Dass heute Frauen und Männer, die gleichen Chancen beim Berufseinstieg und –aufstieg erhalten, gelingt dann, wenn Betriebsrätinnen und Betriebsräte die Wirkung von Gender Mainstreaming und Diversity erkennen und Arbeitgeber auffordern, Ausbildungsberufe mit weiblichen und männlichen Auszubildenden zu besetzen. Und es gibt sie, die Personalverantwortlichen, die Chemikantinnen einstellen und sich für eine Chemieingenieurin entscheiden. Und es auch gibt die Kollegen und Kolleginnen, die selbstbewusst im Ausschuss für Chancengleichheit mitarbeiten und ihre Sicht auf Vereinbarkeitsfragen äußern. Und selbstverständlich ist heute das Gremium für Einstellungsverfahren paritätisch besetzt ist.

Nur so kann ein Umdenken gelingen, nur so entwickeln sich neue Kulturen in Unternehmen, nur so werden Weichen gestellt für neue Wege und ein Umdenken in der Arbeitswelt erreicht. Dies ist nach wie vor Aufgabe der Politik, der Gesellschaft und der Sozialpartner. Gewerkschaften sind oft Vorreiterinnen und mit Betriebsrätinnen und Betriebsräten als ihren Verbündeten verfolgen sie beharrlich ihre Ziele für eine chancengleiche und gleichstellungsorientierte Personalpolitik in den Unternehmen.

 

Cornelia Leunig ist Leiterin der Abteilung Frauen/Gleichstellung in der Hauptverwaltung der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie.

Irena Küstner ist Betriebsrätin bei Bayer Material Science in Leverkusen.

Dieser Artikel ist Teil des Infobriefs "frau geht vor" der DGB Frauen.


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