Deutscher Gewerkschaftsbund

12.08.2015
INTERVIEW

Annelie Buntenbach zu Chancengleichheit in IT-Berufen

Chancengleichheit geht uns alle an

Mehr Engagement und Förderung für mehr Frauen in IT- und Technikberufen

Drei Fragen an Annelie Buntenbach

MINT-Fachkräfte sind am Arbeitsmarkt stark gefragt, doch leider sind Frauen in vielen MINT-Berufen deutlich unterrepräsentiert, insbesondere in den Bereichen Technik und Informatik. Eine Sonderauswertung des DGB-Index „Gute Arbeit“ hat jetzt die Arbeitsbedingungen in diesem nichtakademischen MINT-Bereich in den Blick genommen.

Was sind die wichtigsten Ergebnisse?

MINT-Berufe bieten Frauen im Vergleich zu anderen Berufen etwas bessere Arbeitsbedingungen. Die Beschäftigtenbefragung nach dem DGB-Index Gute Arbeit zeigt, dass Frauen in nichtakademischen MINT-Berufen eine relativ gute Situation bei der Arbeitszeit vorfinden. Vergleichsweise wenige Überstunden und wenig unbezahlte Mehrarbeit zeigen sich hier als positives Merkmal. Hinzu kommt, dass sie auch Einfluss auf die Gestaltung ihrer Arbeitszeit haben. Für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf sind das wichtige Faktoren. Viele Betriebe, die Fachkräfteengpässe erwarten, werden in puncto Vereinbarkeit langsam etwas flexibler. Hinsichtlich Einkommen und Aufstiegschancen haben Frauen in den nichtakademischen MINT-Berufen aber immer noch gegenüber ihren männlichen Kollegen das Nachsehen. Selbst in stark nachgefragten Berufen bleiben geschlechtsspezifische Benachteiligungen erhalten.

Auch wenn MINT-Berufe Frauen oftmals bessere Arbeitsbedingungen bieten, ist es bisher nicht gelungen Frauen für diese Berufe zu gewinnen. Was muss getan werden?

Schon in der Schule sollte das MINT-Interesse von Mädchen und jungen Frauen stärker gefördert werden. Eine ganzheitliche Technikvermittlung an Schulen, die auch auf die sozialen Kontexte, auf die Folgen von Technik für die gesellschaftliche Entwicklung und für die Kultur eingeht, würde helfen. Auch eine umfassende Berufsorientierung an Schulen, frei von Rollenzuschreibungen, ist nötig. Nicht zuletzt sind die Betriebe und Verwaltungen in der Pflicht: Sie müssen sich noch mehr für die Gewinnung von jungen Frauen in diesen Berufen engagieren und sie in einem männlich dominierten Berufsfeld in ihrer beruflichen Entwicklung besser unterstützen – ausdrücklich auch dann, wenn sie Kinder haben. Um das Interesse von Mädchen an MINT-Berufen zu fördern, haben wir eine Zehn-Punkte-Strategie erarbeitet.

Unser Index Gute Arbeit zeigt aber auch erste positive Ergebnisse, aber eben auch noch viel Luft nach oben. Letztendlich ist aber eine gute Vereinbarkeit von Familie, Beruf und Entwicklungsmöglichkeiten das Fundament der Förderung des Frauenanteils in MINT-Berufen. Denn es braucht positive Rollenmodelle und das Wissen seitens der Eltern, Lehrer/innen und der Gruppe der Gleichaltrigen, dass MINT-Berufe für Frauen gute Berufsperspektiven eröffnen.

Trotz guter Ausgangslage werden Frauen auch in MINT-Berufen mit typischen geschlechtsspezifischen Nachteilen konfrontiert. Wie kann mehr Chancengleichheit erreicht werden?

Chancengleichheit im MINT-Bereich wird – ebenso wie Chancengleichheit insgesamt – erst dann möglich, wenn sie nicht nur ein Anliegen von einzelnen Betrieben und Personen ist. Deshalb braucht es einen politischen Rahmen wie beispielsweise ein Entgeltgleichheitsgesetz und natürlich ausreichend bedarfsorientierte Kinderbetreuungseinrichtungen. Es ist aber auch viel auf tariflicher und betrieblicher Ebene möglich. Hier sollten die Arbeitgeber konstruktivere Lösungen zum Beispiel zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf unterstützen. Zudem müssen wir stärker die männlichen Kollegen für dieses Thema sensibilisieren. Chancengleichheit geht uns alle an.

Annelie Buntenbach ist Mitglied des Geschäftsführenden Bundesvorstands des Deutschen Gewerkschaftsbundes und zuständig für Arbeitsmarktpolitik, Sozialpolitik, Recht, Migrations- und Antirassismuspolitik/Kampf gegen Rechtsextremismus sowie für den DGB-Index Gute Arbeit.

Dieser Artikel ist Teil des Infobriefs "frau geht vor" der DGB Frauen.

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