Deutscher Gewerkschaftsbund

18.03.2009

Aufstieg ist immer noch Männersache

Die stellvertretende DGB- und CDA-Chefin Ingrid Sehrbrock über Lösungsansätze

Die Fakten sind klar: Auch im Öffentlichen Dienst ist die Gleichberechtigung lediglich ein zu Papier gebrachtes Lippenbekenntnis. Schlechtere Einstufungen, Nachteile durch Familienauszeiten und nicht gezahlte Zulagen lassen die Frauen die Verlierer im Öffentlichen Dienst sein. Rechnet man diese Nachteile in die Besoldung mit ein, dann verdienen Beamtinnen – Voll- und Teilzeitbeschäftigte – rund 19 Prozent weniger als ihr männlichen Kollegen. 

Dabei müssen die Ursachen genauer analysiert werden: Einer der Faktoren, der zur Entgeltungleichheit in den öffentlichen Verwaltungen führt, ist die Teilzeitbeschäftigung: Fast die Hälfte der Beamtinnen und Richterinnen ist teilzeitbeschäftigt und der Frauenanteil an den Teilzeitbeschäftigten beträgt etwa 80 Prozent. Dies bedeutet häufig Karriere mit Hindernissen: Denn zahlreiche Untersuchungen belegen: Anwesenheit unterstützt den beruflichen Aufstieg. Teilzeit und Erwerbsunterbrechungen wegen Kindererziehung wirken sich mittelbar auf die Karriereentwicklung aus. Sichtbar und flexibel zu sein, sind die wichtigsten Voraussetzungen für eine Karriere.

Grafik: Frauenanteil im Öffentlichen Dienst

Frauenanteil im öffentlichen Dienst. Statistisches Bundesamt

Ein weiteres Problem ist: Gleichwertige Arbeit wird nicht immer gleich entlohnt: Im Besoldungsrecht werden überwiegend von Frauen ausgeübte Berufe (Tätigkeiten) geringer bewertet. Frauen arbeiten in „typischen Frauenbereichen“ wie zum Beispiel als Verwaltungs- und Bürokräfte. Im mittleren Dienst als Lehrkraft an den Grund-, Hauptund Realschulen. Gerade bei den Lehrkräften an Grundschulen wäre ein höherer Anteil an Männern wünschenswert.

In den entscheidenden Entwicklungsphasen der Kinder sind männliche Vorbilder rar. Umso wichtiger ist, es nach Lösungsansätzen zu suchen, mit denen die formale Gleichstellung von Frauen und Männern auch faktisch umgesetzt wird.

Die Verwaltungskultur muss sich grundlegend ändern. Bund, Länder und Kommunen tragen als öffentliche Arbeitgeber besondere Verantwortung, die Entlohnung von Männern und Frauen diskriminierungsfrei zu gestalten. Dazu gehört, dass die vermeintliche Selbstverständlichkeit durchgängiger Anwesenheit am Arbeitsplatz und die Verfügbarkeit in den Abendstunden bewusst infrage gestellt werden muss. In der Beurteilungspraxis dürfen Auszeiten keine Rolle mehr spielen.

Grafik: keine Gleichberechtigung beim Geld

Durchschnittliche Brutto-Stundenlöhne ; Jeweils aktuellste verfügbare Angaben 2005 oder 2006 Zahlen: WSI Frauenlohnspiegel, Eurostat; Hans-Böckler-Stiftung 2008

In den Personalentscheidungen muss größere Transparenz herrschen. Beurlaubungen von Beamtinnen müssen sorgfältig vorbereitet werden. Während der Beurlaubung muss der Kontakt zur Dienststelle und danach die Unterstützung beim beruflichen Wiedereinstieg sichergestellt sein.

Bei allen Ausschreibungen muss geprüft werden, ob die Stellen für Mütter und Väter oder Pflegende die Möglichkeit bieten, Beruf und Familie zusammenzubringen.Beschäftigte mit aus familiären Gründen verminderter regelmäßiger Arbeitszeit, die eine Vollzeitbeschäftigung anstreben, sollten bei der Besetzung von Stellen für Vollzeitbeschäftigte bei gleichwertiger Qualifikation vorrangig berücksichtigt werden.

Frauen, die bereits erste Karriereschritte gegangen sind, müssen auf dem weiteren Weg unterstützt werden.

Ämter und Behörden müssen prüfen, wie Stellen in Teilzeit besetzt werden können. Zusätzlich muss die Einrichtung einer nach Möglichkeit dezentralen, kostenlosen Kindernotfallbetreuung geprüft werden. Zudem muss es neue Arbeitszeitmodelle geben, Telearbeitsplätze müssen ausgebaut und Aufgaben zuhause erledigt werden können.

Fortbildungen sollten verstärkt in Abendkursen angeboten oder in die Urlaubszeit verlegt werden können.  Vorgesetzte müssen sensibilisiert werden und Führungskompetenz insbesondere in Hinblick auf die Gleichstellungsfragen muss verbessert werden.

Zudem ist es notwendig, die Qualifikation von Frauen durch Hospitationen zu fördern und höherwertige Aufgaben und Vertretungen auch für einen begrenzten Zeitraum zu übertragen, um die Chancen von Frauen in Auswahlverfahren zu verbessern Maßnahmen, die im Rahmender Gleichstellungsförderung ergriffen werden könnten, wären z.B. Bewerbungstraining für Frauen.  Gut organisierte Betreuungs- und Wiedereingliederungsangebote könnten beurlaubte Frauen bei der Rückkehr in den Beruf unterstützen.  Außerdem könnten gezielte Fortbildungen angeboten werden, die von Frauen geleitet oder moderiert werden.

Die Maßnahmen der Gleichstellungsförderung müssten überdies stärker auf männliche Beschäftigte, Entscheidungsträger/innen, Vorgesetzte und Nachwuchsführungskräfte abzielen, als sie dies bislang tun. In Einstellungsverfahren müssten Bewerberinnen möglichste vorrangig berücksichtigt werden.  Das Hamburger Gleichstellungsgesetz beispielsweise regelt, dass bei Einstellungen einschließlich der Begründung eines Beamten-oder Richterverhältnisses, die nicht zum Zwecke der Ausbildung erfolgen, Bewerberinnen bei gleichwertiger Leistung verstärkt vorrangig zu berücksichtigen sind, bis Frauen innerhalb der Dienststelle in der jeweiligen Bezahlungsgruppe der Laufbahn oder des Berufs zur Hälfte vertreten sind.


Der Text erschien im Magazin Soziale Ordnung, 2. Ausgabe 2009, Aktion zur Entgeltgleichheit: "Warum nicht gleich?".


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