Deutscher Gewerkschaftsbund

19.01.2016
Frauen und Flucht

Flüchtlingsfrauen fernab von Europa

Gefahren und Chancen in Fluchtsituationen

Von Ulrike Krause

Aktuell ist das Flüchtlingsthema in aller Munde, wobei in deutschen Medien fast ausschließlich von Flüchtlingen in Europa berichtet wird. Globale Entwicklungen und insbesondere geschlechterspezifische Fluchterfahrungen bleiben indes vernachlässigt. Dabei sind rund die Hälfte aller Fliehenden Frauen. Vor welchen Herausforderungen stehen Flüchtlingsfrauen, gerade fernab Europas? Und welche Chancen kann ihnen die Flucht bieten?

flickr.com/Arian Zwegers (CC BY 2.0)

Mit 86 Prozent befindet sich die überwiegende Mehrheit aller Flüchtlinge in Entwicklungsländern fernab Europas, wo sie häufig in Flüchtlingslagern untergebracht werden. Die Bedingungen in Lagern sind oft sehr restriktiv und geprägt von Gefahren. In unserem aktuellen Forschungsprojekt „Genderbeziehungen im begrenzten Raum“ untersuchen wir sexuelle und geschlechterbasierte Gewalt gegen Frauen in Flüchtlingslagern mit einer Fallstudie in Uganda. Flüchtlinge, Männer sowie Frauen, berichteten in vielen Gesprächen von dem Gewaltausmaß. Die häufigsten Formen waren Vergewaltigung, häusliche Gewalt, frühe und Zwangsverheiratung sowie geschlechterspezifische Diskriminierung. Letzteres bezieht sich u.a. auf den restriktiven Zugang zu Bildung für Mädchen. Bei einer Umfrage mit 351 Flüchtlingen gab die Mehrheit an, dass häusliche Gewalt regelmäßig oder täglich stattfindet. Ähnliche Bedingungen zeigen sich auch in anderen Flüchtlingssituationen weltweit, sodass diese Gewalt in Flüchtlingslagern ein globales Phänomen ist.

Korrupte Strukturen und sexueller Missbrauch

Und in urbanen Zentren? Wenn Flüchtlinge im Globalen Süden in Städten leben, erhalten sie häufig keine systematische Unterstützung von Hilfsorganisationen. Sie lassen sich selbstständig nieder, wodurch sie zwar ein selbstbestimmteres Leben führen können, aber auch korrupten Strukturen ausgesetzt sind. Vor allem Frauen arbeiten häufig in informellen Sektoren und sind sexuellem Missbrauch durch Kolleg/innen und Arbeitgeber/innen ausgesetzt. Sie müssen als kommerzielle Sexarbeiterinnen arbeiten, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen, oder sie werden zu sexuellen Gegenleistungen für Nahrung oder Unterkunft gezwungen.

Traumatische Erlebnisse und die Sorge um Kinder

Unabhängig von ihrem Aufenthaltsort müssen Frauen auf der Flucht sowie im Flüchtlingskontext ihre Kinder versorgen. Doch ist der Zugang zu Ressourcen oft schwierig und fehlen schützende soziale Strukturen, da Frauen ohne unterstützende Familienkreise fliehen. Manche Kinder von Flüchtlingsfrauen sind aus Vergewaltigungen entstanden und positive emotionale Beziehungen aufzubauen, ist schwierig. Hinzu kommt, dass sie im Konflikt, auf der Flucht und in Flüchtlingslagern traumatische Erlebnisse erfahren können, die auf sie wirken und den Aufbau von stabilen Bindungen zu ihren Kindern und anderen Personen erschweren. Dass die Zwangsmigration und das Leben in Lagern und Städten insbesondere für Flüchtlingsfrauen und -mädchen vielfältige Gefahren bergen, ist nicht neu. Auch das Flüchtlingswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) hebt hervor, dass Frauen und Mädchen schwerwiegenden Herausforderungen in Flüchtlingssituationen ausgesetzt sind. Obwohl Schutzmaßnahmen umgesetzt werden, was wir auch in der Feldforschung beobachtet haben, hält die Gewalt an.

Chancen der Flucht

Nach all dem Wissen über die Gewalt mag der Perspektivwechsel auf die Chancen der Flucht seltsam erscheinen. Allerdings zeigt sich einerseits, dass mit der Flucht ein Ortswechsel verbunden ist, durch den ursprüngliche Rollen und Funktionen von Männern und Frauen oftmals nicht mehr in der herkömmlichen Art ausgeführt werden können, sodass die Geschlechterverhältnisse neu verhandelt werden. Das bietet Chancen. Andererseits erhalten Frauen den gleichen – oder gar bevorzugten – Zugang zu Dienstleistungen durch die Flüchtlingshilfe, was sie zum Teil als ermächtigend erfahren. Beispielsweite erfahren Flüchtlingsfrauen in Uganda7 den gleichgestellten Zugang zu Land als ermächtigend, da dies ein männliches Privileg in ihrem Herkunftsland war. Sie können nun unabhängig ihrer Ehemännern und Familien über ihr Land entscheiden. Zudem empfinden umgesiedelte Frauen8 den Zugang zu Internet und erweiterten Netzwerken als ermächtigend. Als ich mich mit Empowermentfragen9 beschäftigte zeigte sich zwar, dass Flüchtlingsfrauen den strukturell gleichberechtigten Zugang zu Ressourcen und Dienstleistungen in Lagern positiv erfahren können. Jedoch können die Abhängigkeiten an Hilfsstrukturen limitieren, sodass Eigeninitiative, Eigenverantwortung und Partizipationsmöglichkeiten nötig sind. Zudem wurde deutlich, dass Männer die bevorzugte Behandlung von Frauen als vernachlässigend oder gar ausgrenzend erfahren, was kontraproduktiv ist und zu Gewalt führen kann. Auch ihre Teilnahme ist wichtig!

Raum für positive Entwicklungen für Frauen und Männer schaffen

Die Flucht birgt nicht nur Gefahren für Flüchtlingsfrauen, sondern – unter fördernden Bedingungen – auch Raum für positive Entwicklungen. Hilfsorganisationen bemühen sich seit Jahren, Projekte zum Schutz und zur Förderung von Frauen umzusetzen, aber viele spezifische „Frauen“-Projekte grenzen Männer aus. Obwohl Frauen und Männer Konflikte, Gewalt, Flucht und das Leben in Flüchtlingslagern oder Städten unterschiedlich erfahren, so sind sie doch miteinander verbunden. Unabhängig davon, ob es um Gewalt gegen Frauen oder ihr Empowerment geht, letztlich bezieht es sich auf die Rolle der Frau, die mit der des Mannes verknüpft ist. Wie diese aufeinander bezogenen Rollen gelebt werden, wirkt sich wiederum auf die Familien- und sozialen Systeme und insbesondere die Kinder aus. Daher können wir die Bedingungen von Frauen nicht losgelöst von denen der Männer betrachtet. Weder in der wissenschaftlichen Analyse noch in Hilfsprojekten. 

Europäische Gewerkschaften: Solidarität mit Flüchtlingen

Auf dem Kongress des Europäischen Gewerkschaftsbundes (EGB) vom 29. September bis 02. Oktober in Paris diskutierten 700 Delegierte aus 40 Ländern unter anderem über die Situation von Flüchtlingen in Europa und verabschiedeten dazu einstimmig eine Resolution. „Mit ihren 60 Millionen Mitgliedern bleibt die europäische Gewerkschaftsbewegung ein Bollwerk gegen jede Form von Intoleranz und wird sich weiterhin für eine humanitäre Antwort auf diese humanitäre Krise einsetzen“, heißt es in der Entschließung. www.dgb.de/extra/egb-kongress 

Dr. Ulrike Krause ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für Konfliktforschung der Philipps-Universität Marburg und arbeitet im Forschungsprojekt „Genderbeziehungen im begrenzten Raum“. Seit 2014 ist sie Mitglied des Organisationskreises des Netzwerks Flüchtlingsforschung. www.uni-marburg.de/konfliktforschung

Dieser Beitrag aus der frau geht vor ist eine überarbeitete Fassung des ursprünglichen Artikels auf dem Flüchtlingsforschungs-Blog. Er ist Teil des Forschungsprojekts „Genderbeziehungen im begrenzten Raum“, das am Zentrum für Konfliktforschung der Philipps- Universität Marburg durchgeführt und durch die Deutsche Stiftung Friedensforschung unterstützt wird. Netzwerk Flüchtlingsforschung ist ein multi-disziplinäres Netzwerk von Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen in Deutschland die zu Zwangsmigration, Flucht und Asyl forschen sowie internationaler Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen die diese Themen mit Bezug zu Deutschland untersuchen. www.fluechtlingsforschung.net 

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