Schon in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts waren Frauen als Buchhalterinnen und Kontoristinnen willkommen, betriebliche Führungspositionen und akademische Stellen blieben den Männern vorbehalten. Inzwischen gelangen Wirtschaftsakademikerinnen vermehrt in Positionen, die für sie früher unerreichbar waren. Allerdings mit erhebliche Einkommensunterschiede zu den Kollegen. , konstatiert die Studie „Auf halbem Weg“.
Andrea-Hilla Carl, Friederike Maier, Dorothea Schmidt: Auf halbem Weg. Die Studien- und Arbeitsmarktsituation von Ökonominnen im Wandel. edition Sigma
Beginnend bei den Buchhalterinnen und Kontoristinnen zeichnen sie den Weg über einen Zeitraum von mehr als 100 Jahren nach. Eine Station ist die unterschiedliche Entwicklung der Wirtschaftsberufe nach 1945: In der DDR erlebte der Bereich (außer in Spitzenpositionen) eine ausgeprägte Feminisierung, während sich in der Bundesrepublik die Geschlechter-Segregation erhielt. Doch in den vergangenen beiden Jahrzehnten ist das Gefüge in Bewegung geraten und gelangen Wirtschaftsakademikerinnen vermehrt in Positionen, die für sie früher unerreichbar waren. Mit ihrer zunehmenden Präsenz in den wirtschaftlichen Fächern haben Frauen die erste Hälfte des Weges zurückgelegt. Hier zieht die Studie Bilanz und zeigt unter anderem auf, welche Auswirkungen dies auf ihre Einkommenssituation zeitigt.
Die Auswertung verschiedener Untersuchungen zeigt deutlich, dass es bei den Beschäftigungsformen zwischen den Geschlechtern kaum noch Unterschiede gibt. Allerdings sind bei den Einkommen von Beginn an große Unterschiede festzustellen, die mit den Jahren der Berufstätigkeit noch zunehmen. Ausschlaggebend dafür ist u.a., dass Männer gleich ‚höher einsteigen’, der Absolvent demnach als wissenschaftlicher Angestellter beginnt, während die gleich qualifizierte Absolventin Sachbearbeiterin wird. Doch selbst wenn sich in den ersten Berufsjahren nur geringe Unterschiede zwischen Bruttogehalt und Führungsverantwortung zeigen, nehmen die Einkommensunterschiede ab dem vierten Jahr zu und verdienen Frauen nach zehn Jahren nur 72 Prozent des Gehalts der Männer. Bleiben Frauen, die ihre Erwerbstätigkeit für die Kindererziehung unterbrochen haben, unberücksichtigt, beträgt der Unterschied immer noch 75 Prozent.
„Die Schere geht zwischen Frauen und Männern also auch dann auseinander, wenn die subjektiven und objektiven Bedingungen gleich waren, ein Befund, der darauf hindeutet, dass die Zuweisung beruflicher Positionen und Entwicklungsmöglichkeiten nach wie vor an das Geschlecht an sich geknüpft ist“, betonen die Autorinnen. Als Gründe dafür führen sie die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen an, die das Geschlecht immer noch zu einem Kriterium der Differenz machen, aber auch die betrieblichen Einstellungs-, Personal- und Organisationspolitiken sowie schließlich auch das Verhalten der Frauen selbst. Bei Betrachtung der eigenen Karrierechance reflektieren sie die Frage der Vereinbarkeit von Beruf und Familie immer schon mit und fühlen sich stärker als Männer dafür zuständig funktionierende Arrangements zu finden.
Fazit: Die Grenzziehungen zwischen den Geschlechtern sind auf dem Arbeitsmarkt noch von Bedeutung – wenn sie auch subtiler wirken und weniger legitimierbar sind als vor 100 Jahren.
Bibliografie:
Andrea-Hilla Carl, Friederike Maier, Dorothea Schmidt: Auf halbem Weg. Die Studien- und Arbeitsmarktsituation von Ökonominnen im Wandel. Edition sigma Berlin 2008, 187 S., 15,90 Euro.