Deutscher Gewerkschaftsbund

Gift für die Vereinbarkeit

Ständige Erreichbarkeit verhindert eine familienbewusste Arbeitsorganisation

Von Frank Meissner

 

Ständige Erreichbarkeit ist zu einem Symbol moderner Arbeit geworden. Immer selbstverständlicher wird es für immer mehr Beschäftigte ihre beruflichen Mails abends oder am Wochenende zu checken. Die hohe zeitliche Verfügbarkeit ist Ausdruck einer extrem flexiblen Arbeitswelt, in der die zeitlichen Grenzen zwischen Arbeitszeit und privater Zeit verschwinden und auch der Arbeitsort für mehr Beschäftigte immer beliebiger wird. Für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf bringen diese Entwicklungen mehr Nachteile als Vorteile.

 

Die neuen Formen der Arbeitsorganisation kommen zwar auch Beschäftigten zugute, indem sie deren Autonomie und Zeitsouveränität vergrößern können. In der Praxis zeigt sich jedoch, dass Unternehmen in erster Linie von den neuen Freiheiten in der Arbeit profitieren. Denn wesentliche Kennzeichen moderner Arbeitsorganisation sind ihre marktförmige Gestaltung und die indirekte Steuerung der Beschäftigten. Marktanforderungen wie Kundenanfragen oder Produktionsschwankungen bestimmen die Zeitgestaltung und Flexibilitätsanforderungen.

Zwischen Autonomie und Kontrolle

Vom Management wird der Marktdruck strategisch genutzt, um die Leistung der Beschäftigten zu erhöhen. Führungskräfte müssen nicht mehr wie früher von oben Anweisungen erteilen, sondern kontrollieren indirekt, indem sie die Beschäftigten aktiver an Arbeitsprozessen beteiligen und ihnen mehr Verantwortung für das Arbeitsergebnis übertragen. In diesem Spannungsverhältnis von Autonomie und Kontrolle scheinen beide Seiten zu gewinnen.

Der Arbeitgeber verzichtet auf kleinliche Überwachungssysteme, Führungskräfte kommunizieren mit ihren Untergebenen auf Augenhöhe. Im Gegenzug können Beschäftigte freier über ihre Arbeitszeiten verfügen, werden stärker an betrieblichen Entscheidungen beteiligt und gehen motivierter und zufriedener zur Arbeit. Diese Freiheiten verleiten Beschäftigte aber auch leicht dazu, das betriebliche Denken zu übernehmen und die eigenen Interessen hinten anzustellen.

 

Frau mit Kind und Handy im Arm

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Entkoppelung von Arbeitszeit- und Leistungspolitik

Arbeitszeitzeitinstrumente wie Vertrauensarbeitszeit und Zeitkonten forcieren die Entgrenzung von Arbeit und privater Zeit und wirken sich negativ auf die Leistungsbemessung aus. Denn Arbeitgeber interessieren sich kaum noch für die aufgewendete Arbeitszeit und delegieren die Zeitkontrolle an die Beschäftigten. Mit der Entkoppelung von Arbeitszeit- und Leistungspolitik wächst die Gefahr, dass Arbeitszeiten maßlos werden.

Beschäftigte mit Familienverantwortung - Kinderbetreuung oder Pflege – benötigen auch flexible Arbeitszeiten. Aber diese Flexibilität ist viel stärker auf stabile und verlässliche Zeitstrukturen angewiesen, um das komplizierte Zeitgeflecht der Familie zu managen. Es zeigt sich, dass die Flexibilität von Beschäftigten auf anderen Zeitvorstellungen beruht als die Flexibilität der Betriebe. Ständige Erreichbarkeit, hohe räumliche Mobilität und betriebliche Verfügbarkeit sind also Gift für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

Chancen und Risiken doppelter Entgrenzung

Beschäftigte mit Familienaufgaben, die in solchen modernen Arbeitsbeziehungen tätig sind, erfahren oft eine doppelte Entgrenzung in der Erwerbsarbeit und der Familie. Angesichts der vielen Termine und Aktivitäten aller Familienmitglieder wird es immer schwieriger gemeinsame Zeiten zu organisieren. Die Folgen dieser doppelten Entgrenzung bleiben widersprüchlich.

Einerseits eröffnen sich gerade für Frauen neue Chancen für eine selbstgestaltete, geschlechtergerechte Lebensplanung jenseits der traditionellen Muster. Andererseits wachsen mit der doppelten Entgrenzung die Risiken für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Das betrifft die Selbstsorge der Eltern, die bei der Organisation und Gestaltung ihrer Familienzeit oft am Limit ihrer Leistungsfähigkeit sind und eher Zeit für andere aufwenden als Zeit für sich selbst nutzen. Damit steigen auch die gesundheitlichen Risiken von Eltern. Und ressourcenschwache Eltern sind häufig überfordert, die hohe Flexibilität finanziell und organisatorisch zu managen.

Betriebliche Lösungen finden

Im DGB-Projekt „Vereinbarkeit von Familie und Beruf gestalten“ suchen wir nach betrieblichen Lösungen, wie man dem Problem der ständigen Erreichbarkeit begegnen kann. Erste drastische Maßnahmen zur Eindämmung entgrenzter Arbeit wie etwa das Abstellen des Servers oder ein generelles Emailverbot am Wochenende, konnten uns nicht überzeugen. Eine intelligentere Lösung für das Problem hat BMW München gefunden, die für ihre Betriebsvereinbarung den deutschen Betriebsrätepreis gewonnen haben.

Smartphone in einer Hand

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Qualifizierung und klare Vereinbarungen

Die vereinbarte Regelung zielt darauf, mobiles Arbeiten auf eine vernünftige Grundlage zu stellen und gleichzeitig Grenzen gegen eine völlige Ökonomisierung zu ziehen. Mit dem Recht auf Nicht-Erreichbarkeit verfügen alle Beschäftigtengruppen über geschützte Zeiten, die dem betrieblichen Zugriff entzogen bleiben. Wichtig war auch eine klare Definition, was überhaupt mobiles Arbeiten umfasst: alle betriebsbezogenen Tätigkeiten - egal ob am Smartphone oder am PC - und die Beibehaltung der Zeiterfassung. Beschäftigte mussten zur Sensibilisierung einen Führerschein zum mobilen Arbeiten erwerben, Führungskräfte wurden in intensiven Schulungen qualifiziert. Schließlich war eine intensive Kommunikation auf allen Ebenen - örtliche Betriebsräte, Belegschaft, Management - entscheidend für den Erfolg der Maßnahme.

Neue Balance gewinnen

Auch wenn das Beispiel BMW nicht ohne weiteres auf andere Betriebe übertragen werden kann, zeigt es erste Lösungen, wie ständige Erreichbarkeit begrenzt werden kann. Durch die Initiative des Betriebsrates gelingt es im Spannungsfeld von mehr individuellen Freiräumen für Beschäftigte und kollektiven Grenzziehungen eine neue Balance zu finden. Für eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist dies ein großer Gewinn.

Dr. Frank Meissner leitet das Projekt „Vereinbarkeit von Familie und Beruf gestalten!“ beim DGB-Bundesvorstand

Zur Webseite unseres Projekts

Dieser Artikel ist Teil des Infobriefs "frau geht vor" der DGB Frauen.


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