Deutscher Gewerkschaftsbund

29.06.2017
DIW Berlin: Interview mit C. Katharina Spiess

Einführung des Elterngeldes hat Ungleichheit in kindlicher Entwicklung nicht erhöht

Mathias Huebener, Daniel Kühnle, C. Katharina Spieß

Die Reform des Elterngeldes hat nicht dazu geführt, dass Ungleichheiten in der kindlichen Entwicklung zunehmen. Das zeigt die vorliegende Studie des DIW Berlin, die als eine der ersten anhand der Ergebnisse von Schuleingangsuntersuchungen der Frage nachgeht, welche Effekte die Einführung des Elterngeldes auf sprachliche und motorische Fähigkeiten, die sozio-emotionale Stabilität und den schulischen Förderbedarf hatte. Als das Elterngeld im Jahr 2007 das Bundeserziehungsgeld ersetzte, mutmaßten Kritikerinnen und Kritiker der Reform, dass sich die Ungleichheit erhöhen könnte. Hintergrund ist, dass im Gegensatz zum Erziehungsgeld auch viele Familien im mittleren und oberen Einkommensbereich nicht unerhebliche staatliche Leistungen erhalten. Somit können nun auch besser gebildete Mütter häufiger und länger vom Job pausieren und damit grundsätzlich mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen. Dennoch zeigen sich sowohl für Kinder bildungsnaher als auch für Kinder weniger gebildeter Eltern trotz sehr präziser Schätzergebnisse keine statistisch signifikanten Effekte der Elterngeldreform auf die erfassten Entwicklungsmaße. Somit werden die anderen Effekte des Elterngeldes – etwa eine höhere wirtschaftliche Stabilität von Familien und die insgesamt gestiegene Erwerbstätigkeit von Müttern – nicht geschmälert.

 


 

Positive Effekte des Elterngeldes werden mit Blick auf kindliche Entwicklung nicht geschmälert

1. Frau Spieß, die Auswirkungen des 2007 eingeführten Elterngeldes sind schon oft untersucht worden. Was ist neu an Ihrem Ansatz?
Die Auswirkungen des Elterngeldes wurden vielfach untersucht im Hinblick auf die wirtschaftliche Stabilität von Familien sowie auf die
Erwerbstätigkeit von Müttern und beispielsweise auch im Hinblick auf deren Zufriedenheit. Was wir in unserem neuen Forschungsprojekt untersucht haben, sind die Auswirkungen des Elterngeldes auf die kindliche Entwicklung, also die Auswirkungen auf die Kinder selbst.


2. Wie haben Sie die Effekte auf die kindliche Entwicklung analysiert?
Wir haben die Auswirkungen des Elterngeldes auf die kindliche Entwicklung anhand von Entwicklungsmaßen von Schulanfängern untersucht. Wir hatten die gesamten Schuleingangsdaten mehrerer Geburtsjahrgänge in Schleswig-Holstein, an deren Beispiel wir die Untersuchung durchgeführt haben. Wir haben die Entwicklung von Kindern anhand von vier Entwicklungsmaßen abbilden können: Erstens die Sprachfähigkeiten von Kindern, zweitens ihre motorische Entwicklung, drittens ihre sozioemotionale Entwicklung und viertens, ob eine Schulfähigkeit ohne Förderbedarf vorliegt.


3. Zu welchem Ergebnis sind Sie gekommen?
Wir konnten feststellen, dass die Elterngeldreform keine Effekte auf die Entwicklung der Kinder hatte. Wir waren selbst zunächst überrascht und haben deshalb untersucht, ob es Unterschiede zwischen unterschiedlichen Gruppen gibt. Dabei haben wir nach dem Bildungshintergrund der Eltern differenziert und uns angeschaut, ob sich die Entwicklungsunterschiede zwischen Kindern, deren Eltern
eine höhere Bildung hatten, und Eltern mit geringerer Bildung unterscheiden. Auch da konnten wir aber feststellen, dass es keine Unterschiede gibt, dass also die Ungleichheiten in der kindlichen Entwicklung durch das Elterngeld nicht zugenommen haben.


4. Es wurde ja vielfach bemängelt, dass einkommensstärkere Haushalte stärker vom Elterngeld profitieren als einkommensschwächere Haushalte. Wie ist Ihr Ergebnis vor diesem Hintergrund zu erklären?
Es könnte erwartet werden, dass einkommensstärkere Haushalte durch die Anreize der Reform nun auch mehr Zeit mit den Kindern
verbringen als einkommensschwächere Haushalte. Da das Einkommen stark mit der Bildung korreliert, hätten wir erwartet, dass die Ungleichheit zwischen Kindern höher und niedriger gebildeter Mütter tatsächlich zunimmt, was wir aber nicht bestätigen können. Wir haben unterschiedliche Erklärungsansätze. Wir wissen aus anderen Studien, dass einkommensstärkere Eltern auch vor der Einführung des Elterngeldes in der Regel einer Teilzeiterwerbstätigkeit nachgegangen sind und auch in den ersten sechs Lebensmonaten des Kindes, die für die Entwicklung sehr wichtig sind, teilweise auch Eltern ohne Elterngeld nicht erwerbstätig waren. Die Veränderungen in dieser sehr wichtigen Phase von Kindern waren demnach gar nicht so groß, wie man erwarten würde. Bei einkommensschwächeren Eltern ist es so, dass sie im zweiten Lebensjahr des Kindes ihre Erwerbstätigkeit erhöhen und damit grundsätzlich weniger Zeit mit dem Kind verbringen können. Wir vermuten aber, dass hier die grundsätzlich geringere elterliche Zeit keine negativen Auswirkungen auf die Kinder hat, weil diese vielleicht in einer guten Kindertageseinrichtung untergebracht sind beziehungsweise die Qualität der Zeit mit den Eltern gar nicht abgenommen hat.

5. Halten Sie die aktuelle Regelung des Elterngeldes für richtig, oder gibt es Anpassungsbedarf?
Das Elterngeld, so wie es eingeführt worden ist, hat sehr viele positive Aspekte im Hinblick auf die wirtschaftliche Stabilität von Familien sowie im Hinblick auf eine höhere Erwerbstätigkeit von Müttern, gerade im unteren Einkommensbereich, und ist somit zum Beispiel sehr wichtig für die Bekämpfung von Altersarmut. Wir sehen, dass die kindliche Entwicklung nicht unter der aktuellen Regelung leidet beziehungsweise können wir keine negativen Effekte messen, sowohl im Hinblick auf die allgemeine Entwicklung als auch im Hinblick auf Ungleichheit. Von daher beurteilen wir das Elterngeld als eine erfolgreiche familienpolitische Maßnahme.

Das Gespräch führte Erich Wittenberg.

 

Erstveröffentlichung im DIW Wochenbericht 26/2017 

Hier geht's zum DIW Wochenbericht 26/2017 (Komplettsutdie):
DIW Wochenbericht 26/2017

Hier geht's direkt zum Interview:
Interview

Hier geht's zur DIW Homepage:
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