Deutscher Gewerkschaftsbund

14.09.2015
Aus der Frau geht vor 01/2015

Sauberkeit hat ihren Preis

Branchenmindestlohn in der Gebäudereinigung – wichtig aber oft umgangen

 

Von Zeynep Bicici

 

Die IG BAU hat bereits seit Jahren Erfahrungen mit Mindestlöhnen. So gibt es in der Gebäudereinigung seit März 2007 einen als allgemeinverbindlich erklärten Mindestlohn für gewerblich Beschäftigte. Doch die zunehmende Leistungsverdichtung und befristete Verträge setzen Beschäftigte unter Druck, ihre Arbeitszeit unbezahlt auszuweiten aus Angst vor Kündigungen.

Die IG BAU und auch der Arbeitgeberverband wollten den Mindestlohn in der Branche, um die Abwärtsspirale zu stoppen, die durch die Gründung von Leiharbeitsfirmen mit untertariflicher Bezahlung den Wettbewerb verzerrte. Zwar regulierte die Einführung des Mindestlohns die Branche vorerst, jedoch entwickelten immer mehr Unternehmen Wege und Taktiken um den Mindestlohn zu umgehen. Derzeit liegt der Mindestlohn bei 9,55 Euro im Westen und bei 8,50 Euro in Ostdeutschland. Bis 2019 soll endlich die Angleichung an das Westniveau erfolgen.

Innenreinigung: unterbezahlt und mit hohem Frauenanteil

Rund 600.000 Beschäftigte arbeiten in der Gebäudereinigung. Viele von ihnen sind als Migranten nach Deutschland gekommen. Der gewerkschaftliche Organisationsgrad ist niedrig – aber tendenziell steigend. Überwiegend findet man in der Innenreinigung Frauen, die meisten in Teilzeit oder nur mit einem Minijob. Es ist einer jener typischen, unterbezahlten Frauenberufe, deren Wert für die Gesellschaft unterschätzt wird. Eine wesentliche Aufgabe der Gewerkschaftssekretär/innen besteht darin, die Beschäftigten über die gesetzlichen und tariflichen Regelungen zu informieren sowie sie zu ermutigen, ihre Rechte geltend zu machen.

Leistungsverdichtung nimmt zu

Mit jeder erkämpften Tariferhöhung steigt der Druck auf die Beschäftigten. Ihre Zeiten werden gekürzt, d. h. sie müssen immer mehr Quadratmeter in der gleichen Zeit reinigen. Das geht auf Kosten der Sauberkeit. Um Ärger mit dem Arbeitgeber und dem Kunden zu vermeiden und auch aufgrund eigener Ansprüche an die Qualität ihrer Arbeit, arbeiten viele Kolleginnen über die vertraglich vereinbarte Zeit hinaus, ohne diese bezahlt zu bekommen. Die IG BAU strebt tarifliche Reglungen an, die ständige Leistungsverdichtung zu stoppen.

Arbeitgeber versuchen Mindestlohn zu umgehen

Ein besonders “beliebtes“ Mittel, den Mindestlohn zu umgehen, besteht darin, die Wegezeiten zwischen den zu reinigenden Objekten nicht zu bezahlen. Entgegen der tariflichen Regelung werden die Wegezeiten von vielen Unternehmen nur auf Anfrage der Reinigungskräfte bezahlt, nicht selten nur nach einer Klage bei Gericht. Aber häufig kennen Beschäftigte ihre Rechte nicht oder haben Angst sie einzufordern. Nicht selten haben die Frauen und Männer mehr als zwei Objekte am Tag zu reinigen. Es kann vorkommen, dass sie bis zu zehn Stunden unterwegs sind, aber nur sechs Stunden entlohnt werden.

In der Hotelreinigung stellt sich die Situation noch drastischer dar. Überwiegend erfolgt entgegen den tarifvertraglichen Regelungen die Bezahlung nach Zimmern im Akkord. Je nach Abreise und Bleibe variiert der Lohn für die Zimmer. Teilweise liegt dann der reale Stundenlohn unter fünf Euro, da die Arbeit in der vorgegebenen Zeit nicht zu schaffen ist. Die Einhaltung der Mindestlöhne wird durch den Zoll kontrolliert. Die IG BAU fordert mehr Personal in diesem Bereich für eine wirksamere Kontrolle.

Befristungen setzen Arbeitnehmer/innen unter Druck

Ein massives Problem sind die häufigen sachgrundlosen Befristungen. Befristet Beschäftigte haben nur geringe Chancen sich gegen Unrecht zu wehren und stehen unter besonderem Druck. Nicht selten ist der Arbeitsvertrag an das Objekt gekoppelt. Wird der Auftrag an eine andere Firma vergeben, verlieren die Reinigungskräfte ihren Arbeitsplatz. Ihnen wird suggeriert: „Das ist Dein Kunde. Also gib Dir Mühe, ansonsten bist Du Deinen Job los“.

Für die IG BAU sind deshalb Leistungsverdichtung und Befristung derzeit die Schwerpunktthemen in der Gebäudereinigung.

Zeynep Bicici Zeynep Bicici ist Fachreferentin der Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt (IG BAU) und leitet die Abteilung Gebäudereiniger-Handwerk.

Dieser Artikel ist Teil des Infobriefs "frau geht vor" der DGB Frauen.

Mehr zum Thema Mindestlohn beim DGB Bundesvorstand


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