Deutscher Gewerkschaftsbund

18.11.2015
Digitaler Umbruch von Arbeit – neue Möglichkeitsräume für Frauen?

Digitalisierung der Arbeit: Wo geht die Reise hin?

Von Kira Marrs, Anja Bultemeier, Andreas Boes

Mit der Digitalisierung sind wir Zeitzeugen eines tiefgreifenden Wandels mit weitreichenden Folgen für Unternehmen und ihre Beschäftigten. Wir stehen erst am Anfang dieser digitalen Transformation und die Frage ist: Wo geht die Reise hin? Wie wird sich die Arbeitswelt der Zukunft entwickeln? Welche Rolle werden Frauen in dieser neuen digitalen Arbeitswelt spielen?

Aktuell ist die Rede von „disruptiven Innovationen“, also sprunghaften Veränderungen, die unsere historisch gewachsenen Markt- und Branchenstrukturen komplett verändern könnten. Wir wissen nicht erst seit der Diskussion um den Online-Vermittlungsdienst für Fahrdienstleistungen Uber, dass die gerade entstehenden neuen Geschäftsmodelle das Potenzial für einen grundlegenden Wandel von Wirtschaft und Gesellschaft haben.

Die digitale Revolution verändert aber auch die Produktions- und Arbeitskonzepte grundlegend: Stichworte wie „Cloud“, „Industrie 4.0“ oder auch die „Entgrenzung von Arbeit“ durch den zunehmenden Einsatz von mobilen Endgeräten zeigen die Brisanz und Bedeutung der Entwicklung. Gibt es in Zukunft überhaupt noch einen festen Arbeitsplatz im Betrieb oder arbeiten wir, wo immer wir gerade sind: im Zug, im Café oder von zu Hause aus? Wie schaffen wir es hier, eine individuelle Zeitsouveränität zu verankern? Wie verhindern wir, dass eine Unkultur „permanenter Verfügbarkeit“ immer weiter um sich greift?

Wir brauchen eine neue Arbeitszeitinitiative

Besondere Aufmerksamkeit gilt dabei den Beschäftigungseffekten. So befürchten Experten nach aktuellen Prognosen gar einen „Tsunami auf dem Arbeitsmarkt“. Denn die neue Welle der Digitalisierung wird die Produktivität in vielen Branchen enorm steigern. Das wirft die Frage auf, wofür wir diese Produktivitätspotenziale nutzen und wie wir den sich abzeichnenden Wandel der Tätigkeits- und Qualifikationsprofile bewältigen. Eine neue Arbeitszeitinitiative scheint gesellschaftlich dringend geboten. Mit Blick auf die Produktivitätspotenziale der Digitalisierung, aber auch als Basis für zeigemäße Partnerschaften – zugunsten von Frauen und Männern.

Wir müssen uns aber auch fragen, wodurch die Digitalisierung eine so tiefgreifende Wirkung auf die Zukunft der Arbeitswelt entfaltet und wie wir diese Entwicklung im Sinne der Menschen beeinflussen können. Der Umbruch resultiert nicht primär aus dem gestiegenen Automatisierungspotenzial der Digitalisierung, sondern aus dem Entstehen eines weltweiten „Informationsraums“. Dabei geht es nicht nur um Technik, sondern um einen „sozialen Handlungsraum“, der Menschen miteinander vernetzt und in Beziehung bringt. Diese Erkenntnis, dass es primär um Kommunikation und Vernetzung zwischen Menschen geht, ist das eigentliche Erfolgsgeheimnis der Unternehmen des Silicon Valley.

Digitalisierung bietet Gestaltungsmöglichkeiten

Ein Blick in die Praxis verdeutlicht: Die neuen Potenziale der Digitalisierung können für ein Mehr an Gestaltungsmöglichkeiten und Zeitsouveränität der Beschäftigten in der Arbeit genutzt werden. In vielen Unternehmen lässt sich jedoch beobachten, dass die neuen Potenziale der Digitalisierung zur Automatisierung genutzt und die Beschäftigten durch informatorische Transparenz in neuer Weise kontrolliert und überwacht werden (Stichwort „Digitales Fließband“).

Chancen und Risiken für Frauen

Die digitale Revolution bietet die Möglichkeit zu einer grundlegenden Neugestaltung der Arbeitswelt. Chancen und Risiken der digitalen Arbeitswelt liegen jedoch auch für Frauen eng beieinander. Dazu werden im Folgenden zwei Bereiche, in denen Frauen typischerweise hohe Beschäftigungsanteile haben und ein Bereich mit einem geringem Anteil von Frauen in den Blick genommen. Die zentrale Frage ist: Wie können wir den digitalen Wandel gestalten, wie können Möglichkeitsräume für Frauen genutzt werden?

Beispiel: Privatkundengeschäft in Banken

Die digitale Revolution hat die Banken erreicht und führt hier zu fundamentalen Umwälzungen. Immer mehr Menschen erledigen ihre Bankgeschäfte im Internet. Banken und Sparkassen schließen oder schrumpfen durch Fusionen. Online-Banken ohne eigene Filialen wachsen und Start-ups wollen Teilgeschäfte von deutschen Banken übernehmen. Kunden nutzen im Internet alternative Lösungen des Zahlungsverkehrs wie die Ebay-Tochter Paypal. Die klassische Filialbank befindet sich im Rückzug. Zugleich werden standardisierte Geschäfte, wie Überweisung oder Kontoeröffnung, nur noch online bearbeitet und es wird auf eine neue digitale Vernetzung mit den Kunden gesetzt.

Wir erleben hier einen grundlegenden Wandel der Arbeit: Software wird zu einem elementaren Teil der Beratungs- und Serviceprozesse. Im Internet gut vorinformierte Kunden erfordern bankfachlich besser geschulte Berater/innen. Und vor allem die persönliche Beratung verändert sich durch die neue digitale Vernetzung und den Einsatz von Videoberatung grundlegend.

Kundenbeziehungsmanager/in im Omnikanal

Wie sieht die Zukunft von Bankberater/innen im digitalen Zeitalter aus? Wichtig ist es, Beschäftigte für den souveränen Umgang mit der digitalen Arbeitswelt zu befähigen. Ansonsten besteht die Gefahr, dass viele Beschäftigte, die nicht über die notwendigen Kompetenzen für die digitale Welt verfügen, abgehängt werden. Hier bestehen insbesondere für Frauen neue Chancen, sich mit sozialer Kompetenz und Adaption neuer Medien als Kundenbeziehungsmanager/innen im Omnikanal zu positionieren und durch neue Systemunterstützung höher qualifizierte Beratungsleistungen als bisher zu erbringen.

Beispiel: Verkauf im Einzelhandel

Auch der stationäre Handel ist mit einem tiefgreifenden Strukturwandel durch die Digitalisierung konfrontiert: Immer mehr Kunden gehen per Mausklick auf Einkaufstour und tragen so zum anhaltenden Online-Wachstum bei. Mit mobilen Endgeräten und entsprechenden Shopping-Apps sind Online-Händler rund um die Uhr und von jedem beliebigen Ort aus erreichbar. Damit steigt nicht nur der Wettbewerb zwischen den Online- und Offline-Shops, sondern auch zwischen den stationären Einzelhandelsgeschäften, denn der Informationsraum schafft eine neue Qualität der Preistransparenz.

Im Online-Handel geht die klassische Verkaufsberatung vor Ort verloren, denn hier berät sich der Kunde selbst. Digitalisierung anders gedacht könnte aber auch zu einer Aufwertung der Verkaufstätigkeit führen: Denn der Clou an der Digitalisierung ist, dass immer feiner granulierte Informationen über komplexe Zusammenhänge entstehen. So zum Beispiel wenn Kleidungsstücke im Laden mit RFID-Chips, also kleinen Funkchips, ausgestattet werden. Diese Technik wird nicht nur für die Inventur des Warenbestands genutzt. Man weiß beispielsweise auch, dass eine bestimmte Jeans in der Umkleidekabine 3, 7 und 5 war, 20-mal anprobiert, aber bis heute nicht verkauft wurde. Diese Daten können unter anderem für die Entwicklung neuer Shop-Konzepte genutzt werden.

Neuer Verkäufer/innentypus für das digitale Zeitalter

Durch die gezielte Verbindung von digitalen Informationen mit dem Erfahrungswissen der VerkäuferInnen wird das bisherige Tätigkeitsfeld erweitert. Verkaufsberatung wird so über die Face-to-Face-Beziehung mit Kunden zukünftig hinausgehen und die Einbindung digitaler Medien beinhalten. Auf dieser Basis kann ein neuer VerkäuferInnentypus für das digitale Zeitalter entstehen.

Beispiel: Forschung und Entwicklung

Vorreiter für das neue digitale Zeitalter sind die IT-Industrie und das Ingenieurwesen. Hier entstehen nicht nur die Produkte und Services von morgen, sondern es wird auch mit neuen Arbeits- und Führungskonzepten experimentiert, der Arbeitsplatz der Zukunft entworfen und das Verhältnis von Arbeit und Leben neu austariert. Diese Vorreiterbereiche, in denen die Arbeitswelt von morgen gestaltet wird, sind aber genau jene Bereiche, in denen Frauen kaum vertreten sind. Gerade in den technischen Bereichen liegt der Anteil von Frauen häufig unter zehn Prozent, der Anteil von Frauen in Führungspositionen noch darunter. Gewinnt hier also eine digitale Arbeitswelt Konturen, die Frauen von vornherein nicht berücksichtigt?

Gestalter/innen der digitalen Ära

Aktuelle Trends deuten darauf hin, dass sich mit der digitalen Transformation auch neue Entwicklungsperspektiven für Frauen eröffnen. So verändert die Digitalisierung den Charakter der Arbeit in den bislang vor allem technisch geprägten Forschungs- und Entwicklungsabteilungen. Diese öffnen sich für neue Aufgaben, Berufsgruppen und „buntere“ Belegschaften; Hardwareentwicklung geht zunehmend mit Softwareentwicklung einher und technische Produkte entstehen immer mehr im virtuellen Raum. Dies ermöglicht Frauen einen ganz neuen Zugang zu technischen Feldern, auch in den klassischen Ingenieurbereichen.

Kommunikative und soziale Kompetenzen gewinnen an Bedeutung

Die Digitalisierung macht die Arbeit aber auch komplexer und verlangt nach kollektiv vernetzten Strukturen und geteiltem Wissen statt nach Expertisen, die in „Silos“ entwickelt werden. Kommunikative, soziale und integrative Kompetenzen rücken dabei ebenso in den Vordergrund wie neue Partizipationskonzepte. Das Prinzip des global vernetzten Arbeitens leitet einen Kulturwandel ein, der das Team in den Mittelpunkt rückt und sich vom Bild des „egoistischen Machers“ verabschiedet. Unter den Bedingungen einer digitalen Arbeitswelt könnten die „weichen“ zu „harten“ Faktoren werden und Frauen helfen, neue Rollen im Arbeits- und Innovationsprozess einzunehmen.

Gestaltungsmöglichkeiten für Frauen

Der digitale Umbruch von Arbeit findet jetzt statt. Jetzt entscheidet sich, ob Frauen die digitale Zukunft gestalten werden und welche Rolle Frauen in der digitalen Arbeitswelt spielen werden. Die Beispiele machen deutlich: Der digitale Umbruch bietet Chancen zur Verbesserung der Entwicklungsmöglichkeiten von Frauen. Dies ist jedoch kein Selbstläufer und erfordert eine wirksame Gestaltung. Denn Chancen und Risiken für Frauen liegen eng beieinander. Ob sie zu den Gewinnerinnen der Digitalisierung zählen werden, ist aktuell noch unklar. Die Gestaltung des digitalen Umbruchs in den Unternehmen ist eine heute noch vielfach ergebnisoffene Transformation, die erhebliche Veränderungen mit sich bringen wird. Aber dies beinhaltet auch die wichtigste Stellschraube für die Verbesserung der Entwicklungsmöglichkeiten von Frauen. Es geht darum, durch die Identifizierung von Möglichkeitsräumen den aktuell stattfindenden Aufbruch der Unternehmen ins digitale Zeitalter für eine gendergerechtere Arbeitswelt zu nutzen.

 

Weitere Informationen:

Boes, A. (1996): Formierung und Emanzipation – Zur Dialektik der Arbeit in der „Informationsgesellschaft“. In: Schmiede, R. (Hrsg.): Virtuelle Arbeitswelten. Arbeit, Produktion und Subjekt in der „Informationsgesellschaft“, Berlin, S. 159-178.

Boes, A. (Hrsg.) (2014): Dienstleistung in der digitalen Gesellschaft. Beiträge zur Dienstleistungstagung des BMBF im Wissenschaftsjahr 2014, Frankfurt am Main.

Boes, A./Bultemeier, A./Trinczek, R. (Hrsg.) (2013): Karrierechancen von Frauen erfolgreich gestalten. Analysen, Strategien und Good Practices aus modernen Unternehmen, Wiesbaden.

Bultemeier, A.; Marrs, K. (2015): Frauen in der digitalen Arbeitswelt von morgen. Gestaltungsszenarien für Forschung und Entwicklung. Vortrag am 19. Juni 2015 auf dem ExpertInnenforum „Frauen in der digitalen Arbeitswelt“ in der IHK Akademie in München.

Frey, C. B./Osborne, M. A. (2013): The Future of employment: how susceptible are jobs to computerisation, Oxford.

Boes, A/Bultemeier, A./Kämpf, T./Lühr, T (2015): Arbeitswelt der Zukunft – zwischen „digitalem Fließband“ und neuer Humanisierung. Neue Herausforderungen für die nachhaltige Gestaltung von Wissensarbeit, in: Schröder, L./Urban, H.-J. (Hrsg.): Gute Arbeit 2016. Digitale Arbeitswelt Trends und Anforderung, Bund-Verlag (im Erscheinen).

Dr. Kira Marrs ist Wissenschaftlerin am Institut für Sozialwissenschaftliche Forschung (ISF) München.

Anja Bultemeier ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Soziologie der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg.

PD Dr. Andreas Boes ist Wissenschaftler und Vorstandsmitglied am Institut für Sozialwissenschaftliche Forschung (ISF) München sowie Privatdozent an der Technischen Universität Darmstadt.

 

Dieser Artikel ist Teil des Infobriefs "frau geht vor" der DGB Frauen.


Nach oben

Themenverwandte Beiträge

Artikel
Equal Pay Day: Was bedeutet die Lohnlücke für Frauen?
Seit zehn Jahren wird in Deutschland der Equal Pay Day begangen, um auf die statistische Lohnlücke zwischen Frauen und Männern hinzuweisen. In Deutschland beträgt diese Lücke immer noch 21 Prozent. Wir machen anschaulich, was das für Frauen bedeutet. weiterlesen …
Artikel
Gleichstellungspolitische Vorhaben umsetzen
Die stellvertretende DGB-Vorsitzende Elke Hannack forderte die Koalition dazu auf, ihre gleichstellungspolitischen Vorhaben umzusetzen. „Teile der CDU und die Arbeitgeberverbände blockieren Fortschritte in der Gleichstellungspolitik, wo es nur geht“, sagte Hannack. weiterlesen …
Artikel
Umfassender Gesundheitsschutz bei gleichberechtigter beruflicher Teilhabe
Das Mutterschutzgesetz ist einer der wichtigsten Bausteine des deutschen Arbeitsschutz- und Arbeitsrechts, der die Interessen einer besonders schutzbedürftigen Beschäftigtengruppe wahren soll. Auch wenn das Gesetz seit Jahrzehnten einen wesentlichen Beitrag zur Sicherheit und Gesundheit der schwangeren und stillenden Frauen leistet, ist nach über 60 Jahren ohne nennenswerte Änderungen die Reform des Mutterschutzrechts überfällig. weiterlesen …

Zuletzt besuchte Seiten