Deutscher Gewerkschaftsbund

10.09.2015
AUSBILDUNG UND BERUFSWAHL

Mädchenbilder - Handwerksrollen

Geschlechterstereotypen bei der Berufswahl aufbrechen

 

Von Stefan Reuyß

Wie werden junge Frauen angesprochen, um sie für Berufe im Handwerk und in der Landwirtschaft zu interessieren? Und wie sollten sie angesprochen werden, um die nach wie vor geschlechtsspezifischen Berufsorientierungen von jungen Frauen und Männern aufzubrechen? Dazu hat das Berliner Forschungs- und Beratungsinstitut SowiTra, im Auftrag des Deutschen LandFrauenverbands die Studie „Mädchenbilder – Handwerksrollen: Images und geschlechtergerechte Ansprache in ländlichen Räumen“ durchgeführt.

Junge Frauen stehen bei ihrer Berufswahl vor der Herausforderung, für sich selbst den Beruf zu finden, der ihren Fähigkeiten und Interessen entspricht. Noch entscheiden sich Mädchen – trotz guter Schulabschlüsse – oft für frauentypische und damit meist schlechter bezahlte Berufe mit geringen Aufstiegschancen. Ihre Berufsorientierung wird maßgeblich von Geschlechtsinszenierungen beeinflusst. Die in unterschiedlichen Medien vermittelten Charakteristika der jeweiligen Ausbildungsberufe – bzw. die dort transportierten Berufsprofile und Anforderungen – die nicht selten (sei es offen oder verdeckt) geschlechtsspezifisch geprägt sind, beeinflussen Jungen und Mädchen in ihren Berufswahlentscheidungen.

Ziel des Projektes sollte sein, einen bewussteren Einsatz von Sprache und Bildern bei Betrieben (aber auch in den Medien) zu fördern und Frauen nicht nur mitzudenken, sondern sie auch sichtbar zu machen. Eine geschlechtergerechte Ansprache bei der Berufsorientierung kann nur über die Präsenz von Frauen in Text und Bild und über ihre Darstellung als Vorbilder erreicht werden. Dabei ist einerseits die quantitative Präsenz von Frauen in Bildern zu erhöhen. Andererseits sollte aber auch auf die qualitative Darstellung der Geschlechter geachtet werden.

Letztlich geht es um eine Ausgewogenheit der Häufigkeit genauso wie um die Art der Darstellung, also das „Wie“. Denn sollen auch Mädchen für technische, handwerkliche und landwirtschaftliche Berufe begeistert werden, muss mit traditionellen Rollenbildern gebrochen werden. Mädchen und Jungen müssen daher in den gleichen Tätigkeiten abgebildet werden, um tradierten Berufsbildern, die an eine bestimmte Form von Männlichkeit und Weiblichkeit gebunden sind, entgegen zu wirken.

 

Geschlechtergerechte Bilder

Bilder sind ein starkes Gestaltungsmittel, denn sie ermöglichen es, Geschlechterstereotype und veraltete Rollenklischees aufzubrechen: umso wichtiger ist der bewusste Umgang bei der Gestaltung von Webseiten und Informationsmaterial zur beruflichen Orientierung. Geschlechtergerechte Bilder zeigen Frauen und Männer, Mädchen und Jungen, und dies nicht nur in traditionellen Berufen und Tätigkeiten, sondern in den verschiedensten Bereichen, auf unterschiedlichen Hierarchieebenen und Bildpositionen.

Zentral bei der Bildauswahl ist die Frage: Würde ich als Jugendliche oder Schülerin diesen Beruf in diesem Betrieb drei Jahre lernen wollen?

 

Beispiel für eine geschlechterstereotype verstärkende Darstellung:

berufenet.arbeitsagentur.de

Diese zwei Bilder von der Webseite „berufenet.arbeitsagentur.de“ zur Berufsorientierung zeigen jeweils die gleiche Situation: der bzw. die Ausbilder/in weist die Auszubildenden in eine berufliche Tätigkeit ein – links in einer Tischlerei und rechts in einer Bäckerei. Beide Bilder können der Kategorie das „traditionelle Geschlechterrollenbild verstärkend“ zugeordnet werden.

Im linken Bild sehen wir zwei Männer bei einer technischen, also männlich konnotierten Tätigkeit. Der Ausbilder ist wesentlich älter als der Auszubildende. Beide sind aktiv in den Arbeitsprozess eingebunden und wirken souverän im Umgang mit der Technik. Der Ausbilder verkörpert ein traditionelles männliches Rollenbild, in welches der Auszubildende hineinwachsen wird. Es zeigt sich hierbei ein klares hierarchisches Gefälle, denn der Ausbilder ist stark, hat deutlich mehr Autorität und gibt klare Anweisungen, während der Auszubildende aufmerksam zuhört und selbst ausführt, was ihm erklärt wird. Die Körperhaltung ist bei beiden Personen klassisch männlich: Arme liegen nicht am Körper an, Schultern sind gerade, aufrechter Oberkörper. Es wird implizit vermittelt, dass die Tätigkeit der Programmierung und Bedienung einer Maschine „Männersache“ ist.

Im rechten Bild sehen wir dementsprechend eine weibliche Ausbilderin und weibliche Auszubildende im „Frauenberuf“. Die Auszubildenden lachen freundlich und schüchtern. Ihre Körperhaltung ist kaum raumeinnehmend, ihre Arme liegen eng am Körper an, die Schultern sind leicht nach unten gezogen, die Hände einer der Auszubildenden sind gefaltet. Auffällig ist, dass die Azubinen zunächst nicht in die Tätigkeit integriert sind, sondern passiv dastehend und beim Zuhören abgebildet sind. Eine solche Situation ist typisch für Darstellungen von Weiblichkeit. Mit diesem Bild wird vermittelt, dass das Gut- und Freundlichaussehen mit zum Beruf gehört. Dies führt dazu, dass sich junge Männer hiervon eher weniger angesprochen fühlen.

 

Beispiel für eine Geschlechterstereotype verringernde Darstellung:

berufenet.arbeitsagentur.de

Dieses Bild zeigt Auszubildende beim Einstellen eines Backofens. Es ist ein sehr gutes Beispiel für eine gelungene geschlechtergerechte bildliche Ansprache von Schüler/innen.

Wir sehen zwei junge Frauen und zwei junge Männer, die die gleiche Tätigkeit in einer Backstube ausüben. Beide Geschlechter führen hier „gleichwertige“ Handlungen aus, denn sie sind beide am Backen beteiligt. Im Vordergrund sind ein Mann und eine Frau, ebenso wie auch im Hintergrund. In der Mitte des Bildes ist die Frau positioniert, die den Ofen einstellt, während der Mann ihr dabei zuschaut. Die Frau wird hier nicht nur als aktiver handelnd als der Mann abgebildet, sondern es wird auch die Wissenshierarchie durchbrochen, die häufig zwischen Frau und Mann vermutet wird. Die Frau wird hier nicht als „Unwissende“ dargestellt, sondern als souverän und kompetent. Dies geschieht auf selbstverständliche, nicht-exotisierende Weise. Die Anwesenheit der Frauen, wie auch ihre Tätigkeiten wirken ebenso selbstverständlich, wie dies bei den Männern der Fall ist.

Mit nur wenigen Grundregeln gelingt also die geschlechtergerechte Bildauswahl:

  • Bei Illustrationen ist auf eine gleichwertige Abbildung von Frauen und Männern zu achten. Die visuelle Darstellung von Frauen ist oftmals sexualisiert, körperbetont oder hat dekorativen Charakter.
  • Bei der Darstellung von tätigen Personen gilt es – vor allem wenn es um Technik und Kraft – Frauen in vergleichbarer Position zu zeigen.
  • Besonders zu achten ist auf die Körperhaltung, Anordnung der Personen (wer sitzt, wer steht, wer ist im Vordergrund) oder Blicke (wer schaut in die Kamera, wer schaut weg) der dargestellten Personen.

Geschlechtergerechte Sprache

Die Sprach- und Textanalyse hat gezeigt, dass noch in allen betrachteten Bereichen Handlungsbedarf hinsichtlich einer geschlechtergerechten Sprache vorliegt. Insbesondere auf regionaler Betriebsebene wird zum Beispiel in Ausbildungs- und Gesell/innen-stellenangeboten häufig nur die männliche Form verwendet. Geschlechtergerechte Sprache macht Frauen und Männer sichtbar und diskriminiert nicht. Sollen Mädchen und Jungen gleichermaßen angesprochen werden, ist es nötig, dafür auch geschlechtergerechte Sprache und nicht nur männliche Personenbezeichnungen zu verwenden. Mögliche Änsätze sind:

  • Paarform – Sparform mit Binnen­I – geschlechtsneutrale Formulierungen: Paarform ist die beste Lösung, weil sie alle deutlich anspricht: z.B. „Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter“. Bei der Reihenfolge ist das „Titanic­Prinzip“ zu beachten (erst die weibliche und dann die männliche Bezeichnung).
  • Manchmal stößt die Paarform an Grenzen, etwa bei Überschriften oder Internettexten. Hier bietet sich das Binnen­I als einfachere Lösung an: z.B. SchülerInnen.
  • Geschlechtsneutrale Formulierungen sind eine besonders gute Lösung, wenn Texte durch die Paarform schwer lesbar werden. Zum Beispiel: „Suchen Auszubildende für unsere Bäckerei“.

 

Umsetzung in Betrieben

Traditionelle Geschlechterbilder haben sich über lange Zeit stabilisiert und sind daher schwer aufzubrechen. Es muss daher auf verschiedenen Ebenen gearbeitet werden, um etwas zu verändern. Zentral sollte auf allen Ebenen das Aufbrechen tradierter Rollenbilder und geschlechtlicher Zuschreibungen von Berufen und Tätigkeitsfeldern sein.

Betriebe sollten ermuntert werden, gezielt weibliche Auszubildende zu suchen und dies auch in ihren Ausschreibungen kenntlich zu machen. Dies kann über die Nutzung geschlechtergerechter Sprache, wie auch durch einen Hinweis passieren, der explizit Mädchen ermutigt. Unabdingbar ist die Forderung nach geschlechtergerechter Ansprache in den Lehrstellenausschreibungen der Betriebe. Die Erarbeitung einer Broschüre für Betriebe, wäre hierfür eine gute Möglichkeit. Denn viele regionale Betriebe erwägen keine Einstellung von Mädchen. Hierbei könnten Ausbildungsmärkte, die großen Bedarf an Auszubildenden vorweisen, von Vorteil sein. In einer solchen Broschüre könnten folgende Punkte angesprochen werden:

  • Erläuterung der Vorteile, sich auch an Mädchen zu wenden
  • Checkliste für geschlechtsneutrale Formulierungen
  • Tipps für geschlechtsneutrale Bilder

 

Einsatz von Multiplikatorinnen und Multiplikatoren

Als Multiplikator/inn/en können Verbände, Kammern, Gewerkschaften, Berufsinformationszentren etc. dienen. So arbeiten die Handwerkskammern in den Regionen bereits sehr gut mit Schulen zusammen, wenn es um die Berufsorientierung geht. Hier zeigt sich ein guter Ansatzpunkt. Häufig werden Handwerker eingeladen, um von einem Beruf und Betrieb zu erzählen, oder die Schüler/innen dürfen einen Betrieb besichtigen. Um vor allem auch Mädchen anzusprechen, würde es sich anbieten, hier Handwerkerinnen und vor allem Meisterinnen einzuladen, um von ihrem Berufsalltag zu erzählen. Weibliche Vorbilder können Schülerinnen ermutigen.

Es ist daher zu empfehlen, darauf zu achten, dass es weibliche berufsbezogene Ansprechpersonen gibt, die handwerkliche Berufe vorstellen. Diese Empfehlung richtet sich an Schulen, Betriebe und die Handwerkskammern. Da es in vielen Regionen schwer sein kann, Handwerkerinnen zu finden, könnten entsprechende Ansprechpersonen von den Handwerkskammern eingesetzt werden. Ein gutes Beispiel gelungener Berufsorientierung ist das Projekt zur Mädchenförderung im Handwerk der Lüneburger Handwerkskammer, das in den Jahren 2008 bis 2012 stattfand. Eine Mitarbeiterin hatte dort die Aufgabe, Mädchen und junge Frauen für handwerkliche Berufe zu interessieren und zu beraten. Sie begleitete unter anderem Meister bei Schulbesuchen und Schüler/innen bei Betriebsführungen. Dies ist eine Möglichkeit, weibliche Vorbilder bzw. Ansprechpersonen im Handwerk bereitzustellen.

 

Stefan Reuyß ist Soziologe und Gendertrainer. Als Mitbegründer des Berliner Forschungs- und Beratungsinstituts SowiTra arbeitet er seit vielen Jahren zum Thema Gender, Gleichstellung, Care und Vereinbarkeit.

Dieser Artikel ist Teil des Infobriefs "frau geht vor" der DGB Frauen.

 

Weitere Link-Tipps:

Das Projekt „Mädchenbilder – Handwerksrollen: Images und geschlechtergerechte Ansprache in ländlichen Räumen“ wurde vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend gefördert und vom Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) sowie des Bundesverbandes Unternehmerfrauen im Handwerk e.V. (UFH) unterstützt. Eine Kurzfassung der Studie mit weiteren Ergebnissen und Gestaltungstipps kann auf der Webseite des Deutschen LandfrauenVerbandes heruntergeladen werden. www.landfrauen.info

www.lohn-gleichheit.de

Checkliste Gender Mainstreaming bei Maßnahmen der Presse-und Öffentlichkeitsarbeit.www.bmfsfj.de

Tipps zur geschlechtergerechten Sprachnutzung  unter: http://frauensprache.com/sprachleitfaden.pdf


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