Deutscher Gewerkschaftsbund

31.08.2015

Entgeltungleichheit beginnt bei der Ausbildung

Plädoyer für eine schulgeldfreie und vergütete Ausbildungslandschaft

 

Von Alexandra Schiltz

In Deutschland besteht bereits während der Ausbildung ein deutlicher Unterschied zwischen der Einkommenssituation junger Frauen und Männer. Dies wird in der öffentlichen Diskussion des Themas Entgeltgleichheit bislang wenig berücksichtigt. Eine durchgängig schulgeldfreie und vergütete Ausbildungslandschaft würde die bestehende finanzielle Benachteiligung von Frauen in der Ausbildungsphase deutlich reduzieren und der geschlechterstereotypen Berufswahl entgegenwirken.

Im dualen Ausbildungssystem betrug die geschlechtsbezogene Vergütungsdifferenz 2013 in den alten (neuen) Bundesländern durchschnittlich knapp 5 Prozent bzw. 7 Prozent. Diese Lücke ist auf die unterschiedliche tarifliche Bewertung der Tätigkeiten nach Wirtschaftszweigen zurückzuführen. Vollzeitschulische Ausbildungsgänge werden historisch bedingt nicht vergütet. Die Einrichtung von Schulen für Gesundheits- und Sozialberufe waren ein wichtiger Schritt zur Professionalisierung sogenannter Frauentätigkeiten. Auch einige kreative oder fremdsprachliche Tätigkeiten konnten nicht auf gewachsene durch Innungen oder Kammern getragene Berufsstrukturen aufbauen.

Zusätzlich enthält das vollzeitschulische System heute Berufe, die dualen Ausbildungen entsprechen und das sogenannte außerbetriebliche Übergangssystem ergänzen, wenn Jugendliche keinen betrieblichen Ausbildungsplatz finden. Bis heute sehen nur einzelne nach Bundesgesetz geregelte vollzeitschulische Ausbildungen eine Ausbildungsvergütung vor.

Benachteiligungspotenziale vollzeitschulischer Ausbildung

Ein Blick auf die Zahlen zeigt, dass das Benachteiligungspotenzial des vollzeitschulischen Ausbildungssystems in Folge der fehlenden Ausbildungsvergütung und des Schulgeldes nicht zu bagatellisieren ist: Während 2013 rund 69 Prozent ihre Ausbildung im dualen System starteten, mündeten parallel 30 Prozent in das vollzeitschulische Ausbildungssystem ein. Der Frauenanteil lag im dualen System bei rund 41 Prozent im vollzeitschulischen bei 73 Prozent. Fast jede vierte berufsbildende Schule war 2013 in privater Trägerschaft und damit in der Regel kostenpflichtig. Daraus resultiert: Eine junge Frau, die sich für eine nicht vergütete Physiotherapieausbildung entscheidet, muss mit einem monatlichen Schulgeld in Höhe von 400 Euro rechnen, welches sich über drei Jahre auf 14.400 Euro summiert.

Ein junger Mann hingegen, der sich binnen 3,5 Jahren zum Industriemechatroniker ausbilden lässt, ist bereits sozialversicherungspflichtig beschäftigt und hat am Ende der Ausbildung mindestens 38.500 Euro verdient. Dies wirft die Frage auf, ob und wann sich diese rechnerische Einkommenslücke im weiteren Erwerbsverlauf schließen wird.

Lohndifferenzen und strukturelle Benachteiligungen

Der erste Gleichstellungsbericht der Bundesregierung aus dem Jahr 2011 hat deutlich gezeigt, dass sich die Segregation der Berufe nach Geschlecht, die sich seit den 70er Jahren nur unmerklich reduziert hat, benachteiligend auf die Erwerbs- und Verdienstperspektive von Frauen auswirkt. Die geschlechtsspezifische Berufs- und Branchenwahl ist eine der Hauptursachen der zwischen Männern und Frauen bestehenden Lohndifferenz. Hier verändernd einzugreifen ist Aufgabe der institutionellen Berufswahlbegleitung.

Laut Drittem Sozialgesetzbuch soll die Bundesagentur für Arbeit die berufliche Situation von Frauen verbessern, indem sie auf die Beseitigung bestehender Nachteile sowie auf die Überwindung eines geschlechtsspezifisch geprägten Ausbildungs- und Arbeitsmarktes hinwirkt. Mit einer geschlechtersensiblen berufliche Beratung und Orientierung kann man zwar die Hoffnung verbinden, zur Erweiterung des Berufswahlspektrums von Frauen und Männern beizutragen. Die den Ausbildungssystemen inhärenten strukturellen Benachteiligungen können dadurch aber nicht beseitigt werden. Das ist Aufgabe der gesetzgebenden Organe.

Geschlechtsspezifische Rollenbilder bestimmen Berufswahl

Bei der Berufswahl spielen die Faktoren Ausbildungsvergütung und Verdienstperspektive eine nachgewiesen geschlechtsspezifisch wirkende Rolle. Im Zusammenhang mit der familiären Lebensplanung können sie zu Ausschlusskriterien werden. Der 2010 vom Bundesfamilienministerium berufene Beirat Jungenpolitik und seine Begleitforschung haben gezeigt, dass jungen Männern noch immer signalisiert wird, sie sollten im Falle einer Familiengründung in der Lage sein, diese zu ernähren. Junge Frauen sehen sich dagegen weiterhin durch ihr soziales und beratendes Umfeld aufgefordert, bei der Berufswahl bereits die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu berücksichtigen. Insofern scheint es für junge Männer wichtiger als für Frauen, finanzielle Aspekte in den Vordergrund ihrer Zukunftsplanung zu rücken, um den einzukalkulierenden Einkommensausfall ihrer Partnerinnen ausgleichen zu können. Zu solchen Vorstellungen passt keine nicht vergütete, schulgeldpflichtige Ausbildung in Berufen, die zudem seitens der Tarifpolitik – alten Rollenbildern verhaftet – tariflich schlechter bewertet werden.

Verpflichtende Ausbildungsvergütung und Abschaffung des Schuldgeldes

Fehlende Ausbildungsvergütung und Schulgeld sprechen innerhalb des Berufswahlprozesses geschlechtsspezifische Rollenvorstellungen an und festigen die Segregation der Berufe nach Geschlecht. Die Forderung des Koalitionsvertrags der 18. Legislaturperiode nach Schulgeldfreiheit für Pflegeausbildungen geht deshalb nicht weit genug. Will man perspektivisch Lohngerechtigkeit herstellen, ist es sinnvoll, für die bislang vollzeitschulisch nach Landes- oder Bundesrecht geregelten Ausbildungen – genau wie im dualen Ausbildungssystem – eine verpflichtende Ausbildungsvergütung einzuführen und gleichzeitig das Schulgeld abzuschaffen.

Eine durchgängig schulgeldfreie und vergütete Ausbildungslandschaft wird die bereits während der Ausbildungsphase bestehende finanzielle Benachteiligung von Frauen deutlich reduzieren und gleichzeitig Anreize minimieren, die vor allem die geschlechterstereotype Berufswahl junger Männer forcieren. Das Erlernen heute noch gegengeschlechtlich konnotierter Berufe wird für Männer selbstverständlicher werden und damit umgekehrt auch für Frauen. Stereotype Vorstellungen zur Eignung für Berufe nach Geschlecht werden sich Schritt für Schritt auflösen. Dieser Effekt wird deutlich größer ausfallen, wenn gleichzeitig tarifpolitisch Maßnahmen zu einer gerechten, geschlechtsunabhängigen finanziellen Bewertung beruflicher Tätigkeiten ergriffen werden.

Ausbildungsgänge müssen dualisiert werden

Dass Ausbildungsvergütung auch in den Sozial- und Gesundheitsberufen möglich ist, belegen u.a. die Regelungen im Krankenpflegegesetz und zur dualen Ausbildung zum/zur Operationstechnischen Angestellten nach dem Berufsbildungsgesetz und der Verordnung des Landes Schleswig-Holstein. Denkt man an eine Ausbildungsvergütung klassischer Art, müssen die Ausbildungsgänge „dualisiert“ werden. Der bereits jetzt hohe Umfang praktischer Ausbildungsanteile rechtfertigt eine solche Reform, für die Bund und Länder zuständig sind.

Für die anderen Ausbildungsgänge im vollzeitschulischen System hat die Wirtschaftsministerkonferenz der Länder 2012 bereits einen ähnlichen Vorschlag gemacht. Aufgrund der im Vergleich zu dual durchgeführten Ausbildungen deutlich schlechteren Einmündungsbilanzen votiert sie dafür, diese ins Berufsbildungsgesetz zu überführen und vollzeitschulische Ausbildungen, für die es auch betriebliche Ausbildungsplätze gibt, nach Möglichkeit einzustellen.

 

 

Alexandra Schiltz ist Referentin im Referat Gleichstellungspolitik für Jungen und Männer im Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ).

Dieser Artikel ist Teil des Infobriefs "frau geht vor" der DGB Frauen.


Nach oben

DGB-Projekt "Was verdient die Frau?"

Dein Sprungbrett – Webinare und Beratung für junge Frauen

DGB-Projekt "Vereinbarkeit von Familie und Beruf gestalten"

DGB-Projekt "Zwischen Familie & Beruf passt kein ODER"

Klischeefrei

DIREKT ZU IHRER GEWERKSCHAFT

DGB-INFOSERVICE EINBLICK

Das Hilfetelefon - Gewalt gegen Frauen

Perspektive Wiedereinstieg

Themenverwandte Beiträge

Artikel
DGB-Frauen thematisieren berufliche Bildung und Arbeitsmarkt
Bei einem Arbeitsgespräch mit der Beauftragten der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration, Annette Widmann-Mauz, am 28. Mai 2018 stellte der Fachausschuss des Deutschen Frauenrates "Integration gemeinsam gestalten" seine zentralen Positionen zur Integration geflüchteter Frauen und Mädchen vor. Die DGB-Frauen waren mit Heike Lehmann (Dritte von links) Teil der Delegation. weiterlesen …
Artikel
Strukturelle Hürden beim Aufstieg
Diskriminierungen erschöpfen sich nicht in Handlungen einzelner Personen. Vorurteile und Stereotypen und die damit verknüpften Wert- und Normalvorstellungen sind tief in gesellschaftliche Institutionen und Strukturen eingeschrieben. Ein aktuelles Gutachten deckt mittelbare Diskriminierungen in der beruflichen Aufstiegs- und Weiterbildungsförderung auf. weiterlesen …
Artikel
Mädchenbilder - Handwerksrollen
Wie werden junge Frauen angesprochen, um sie für Berufe im Handwerk und in der Landwirtschaft zu interessieren? Und wie sollten sie angesprochen werden, um die nach wie vor geschlechtsspezifischen Berufsorientierungen von jungen Frauen und Männern aufzubrechen? Dazu hat das Berliner Forschungs- und Beratungsinstitut SowiTra, im Auftrag des Deutschen LandFrauenverbands die Studie weiterlesen …

Zuletzt besuchte Seiten