Deutscher Gewerkschaftsbund

31.08.2015

Berufswahl junger Frauen: Zwischen Tradition und Moderne

Warum eine gendersensible Berufsorientierung notwendig ist

 

Von Angelika Puhlmann

Trotz Annäherungen bei der Berufsorientierung treffen Mädchen und Jungen nach wie vor geschlechtsspezifische Berufsentscheidungen. Welche Faktoren, dazu beitragen und warum Berufsorientierung gender-geschulte Pädagog/innen und Berater/innen braucht, erläutert Angelika Puhlmann vom Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB).

Auf den ersten Blick und rein oberflächlich betrachtet könnte man meinen, dass sich bei der individuellen Berufswahl unter Geschlechterperspektive kaum etwas verändert habe: Wie eh und je scheinen sich die Wege junger Frauen und junger Männer beim Übergang in Ausbildung und Beruf eher zu trennen als sich anzunähern. Indikatoren dafür sind die stärkere Konzentration junger Frauen auf wenige duale Ausbildungsberufe, die zudem fast alle zu den Bereichen der Kaufleute und der personenbezogenen Dienstleistungen gehören. Gewerblich-technische und handwerkliche Berufe hingegen sind weiterhin und unverändert fast ausschließlich mit männlichen Auszubildenden besetzt.

Diese Geschlechtersegregation im Bereich der Berufsausbildung wird bereits seit den 1970er Jahren auch in der offiziellen Berichterstattung bei der Darstellung der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge im Berufsbildungsbericht der Bundesregierung und seit 2009 im Datenreport zum Berufsbildungsbericht dokumentiert. Bei dieser so grob umrissen eher konstanten Situation kann es nicht verwundern, dass Ansatzpunkte und Zielrichtungen der Berufsorientierung für junge Frauen über die vielen Jahre hinweg unveränderte Akzentsetzungen aufweisen: Wie eh und je sollen Mädchen und junge Frauen mit der gewerblich-technischen Welt bekannt gemacht werden, noch immer sollen sie ermutigt werden, sich in Männerdomänen vorzuwagen, ihre beruflichen Karrieren zu planen und durchaus auch Führungspositionen anzustreben.

Berufsorientierung – eher modern?

Tatsächlich ist das reale Bild jedoch differenzierter. Gerade bei der Berufsorientierung junger Frauen hat sich eine neue Kultur entwickelt, die zur Modernisierung der Berufsorientierung generell wesentlich beigetragen hat: Individualisierung, Praxisnähe, wechselseitige Lernprozesse „Betrieb-Schule-Schüler/innen“ und eine breit gefächerte, versierte und unterhaltsame Nutzung digitaler Medien sind ihre wesentlichen Kennzeichen; und nicht zuletzt - im Besonderen gerade durch den Girls’ Day - auch die Schaffung öffentlicher Erfahrungs- und Partizipationsräume zur Berufsorientierung für junge Frauen sowie für Institutionen und Betriebe.

Geschlechtsuntypische Talente bleiben unberücksichtigt

Tatsächlich, so zeigt die BIBB-Studie „Berufsorientierung junger Frauen im Wandel“, scheinen sich die Berufsorientierungsprozesse junger Frauen und junger Männer sowie die Kriterien ihrer Berufswahl anzugleichen: Gleich wichtig ist an oberster Stelle beiden Geschlechtern, dass der Beruf Spaß macht, die Eignung für den Beruf, überhaupt einen Ausbildungsplatz zu bekommen und bemerkenswerter Weise ebenfalls gleich häufig von jungen Frauen und jungen Männern genannt: das Kriterium ‚anderen Menschen helfen‘. Häufiger als junge Männer scheinen junge Frauen zu wissen, was sie einmal werden oder machen möchten.

Die Ergebnisse der Studie weisen auch darauf, dass als geschlechtsuntypisch geltende Talente und (Berufs-)Interessen nicht immer die notwendige Beachtung und Unterstützung im Kontext der Berufsorientierung erhalten. Bei jungen Männern sind das die sozialen und helfenden Talente und Interessen – wenn beispielsweise das Wunschberufsfeld Medizin ist und stattdessen der Übergang in einen männertypischen Handwerksberuf erfolgt - bei jungen Frauen sind es die gewerblichen, technischen und handwerklichen Interessen und Talente – wenn beispielsweise der Berufswunsch Hufschmiedin ist und der Übergang in eine Ausbildung im Einzelhandel erfolgt.

Berufsorientierung – also doch eher traditionell?

Auf vielfältige Weise werden im Kontext der Berufsorientierung Terrains als geschlechtsbezogen markiert. Ob dies nun explizit oder implizit geschieht, immer signalisieren solche Markierungen quasi leitende Leuchtstreifen als Orientierung auf dem Weg in den Beruf – Frauen bitte den rosa, Männer bitte den hellblauen Streifen folgen. Die hier zugleich unterlegten gesellschaftlichen Normalitätsmuster und Verhaltenserwartungen fußen letztlich auf der Vereinfachung, dass Frauen und Männer – quasi naturgegeben - unterschiedliche Interessen, Zielsetzungen und Berufs-/Lebenspläne hätten.

Die zahlreichen Strategien, mit denen bislang versucht wird, diese inzwischen unzeitgemäßen, jedoch weiterhin vertrauten Steuerungsmechanismen außer Kraft zu setzen, haben bislang noch nicht den angestrebten Erfolg. So wird noch immer allzu oft die Diskussion über die Veränderung der Berufsorientierung junger Frauen (und junger Männer) an den Reizworten geschlechts(un)spezifisch oder geschlechts(un)typisch aufgehängt; und das nicht nur im alltäglichen Diskurs, sondern selbst in der Forschung die sich dann vorab typisierender Deutungsmuster von Geschlecht bedient.

Geschlechterbotschaften werden oft unterschwellig transportiert

Welche Elemente solch ab- und ausgrenzender Mechanismen in Materialien zu finden sind, die zur Berufsorientierung eingesetzt werden, wird in zunehmendem Maße Thema von Forschungen im Kontext der Gleichstellungstrategien. Generell steht damit die Frage im Raum, wie Berufsorientierungsprojekte Geschlechtergrenzen überschreitbar machen können, und wie sie der Gefahr entkommen können, diese selbst zu reproduzieren und zu aktualisieren. Dabei geht es um durchaus auch geschlechtsbezogen unterschiedlichen Wertungen und Images von Berufen sowie von Technik als ‚männlich‘. Darüber hinaus sind offene und unterschwellige Geschlechterbotschaften in Bild und Filmmaterial über die Berufswelt und die Wirkungen von Rollenmustern und Stereotypen im Kontext der berufsorientierenden Beratung wichtige Themen in der Diskussion. Tatsächlich wird ‚Gender‘ zunehmend zum Standardelement gerade in Berufsorientierungsaktivitäten - wie dem Berufsorientierungsprogramm BOP des Bundesministerium für Bildung und Forschung, in dem die Handreichung „Geschlecht und Berufswahl – Horizonte erweitern“ mit guter Praxis zeigt, wie das Thema Gender umgesetzt werden kann und sollte.

Geschlechtsspezifische Ungleichheiten schon während der Ausbildung

Fragen der Ausbildungsgestaltung sind unter Genderaspekten besonders wichtig, denn hier werden Weichen gestellt, die bezogen auf den Ausbildungserfolg und die Chancen des Übergangs in eine adäquate Berufstätigkeit weitreichende Folgen haben: In seinem jährlichen Ausbildungsreport zeigt der DGB auch immer geschlechtsbezogene Differenzierungen der Ausbildungsgestaltung und -bedingungen, so wie sie aus den Erfahrungen der befragten Auszubildenden hervortreten, auf. Im DGB-Ausbildungsreport 2013 erfahren wir:  

Die durchschnittliche Ausbildungsvergütung (brutto) im 3. Ausbildungsjahr betrug in männlich dominierten Berufen 716 Euro, in weiblich dominierten Berufen 628 Euro – eine Differenz von 88 Euro zu Ungunsten von Berufen, die häufiger von Frauen erlernt werden. Die Zufriedenheit mit der Ausbildung ist in den männlich dominierten Berufen deutlich höher als in den weiblich dominierten Berufen: sehr zufrieden: 30,9 Prozent vs. 23 Prozent; zufrieden: 45,1 Prozent vs. 42,4 Prozent; teilweise zufrieden: 17,6 Prozent vs. 25,9 Prozent; eher unzufrieden: 4,9 Prozent vs. 6,2 Prozent; sehr unzufrieden: 1,5 Prozent vs. 2,5 Prozent.

Auch die Regelungen des Überstundenausgleichs fallen geschlechtsbezogen sehr unterschiedlich aus: Freizeitausgleich erhielten 57,5 Prozent in den männlich dominierten Berufen, jedoch nur 45,9 Prozent in den weiblich dominierten Berufen. Durch Bezahlung wurden Überstunden in den männlich dominierten Berufen für 18,4 Prozent der Auszubildenden ausgeglichen, in weiblich dominierten Berufen lediglich für 5,1 Prozent. Keinerlei Überstundenausgleich erhielten 8,9 Prozent in den männlich und 29 Prozent (!) in den weiblich dominierten Berufen. Keine Kenntnis über solche Regelungen hatten 15 Prozent in den männlich und 20 Prozent in den weiblich dominierten Berufen.

Immer noch werden Frauenberufe minderbewertet

In diesem Themenfeld sind quantitative und qualitative Aspekte zu verzeichnen. Die Beteiligung von Frauen an Berufsausbildung generell und an bestimmten Berufen beziehen sich noch immer häufig auf das ‘Normalmaß’: die jeweilige Beteiligung von Männern. Überall dort, wo Frauen in der Minderheit vertreten sind, sind sie im Nachteil und dort, wo sie in der Mehrheit sind, sind sie auch im Nachteil, gelten die mehrheitlich von Frauen besetzen Berufe doch als schlecht bezahlt, ohne nennenswerte Aufstiegschancen und mit ungünstigen Arbeitsbedingungen ausgestattet. Wenn Frauen heute noch immer mehrheitlich diese Berufe wählen, dann können wir darin eine Beschränkung ihrer Zugangschancen zu männlich dominierten Berufen erkennen und zugleich die Minderbewertung der vorwiegend von Frauen besetzten Berufe sowie der weiblichen Arbeitskraft.

Das Geschlecht darf keine einschränkende Kategorie sein

Gestützt wird diese Beschränkung von Frauen durch die dualistische Ausrichtung der Kategorie Geschlecht, wie sie in der Regel bei Vergleichen von Frauen und Männern – auch in wissenschaftlichen und statistischen Studien – zum Tragen kommt. Diese festgefahrene, auf quasi natürlichen Ursachen oder Verankerungen von ‚geschlechtsspezifischer‘ Differenzsetzung beruhende Betrachtung der sozialen Lebenswelt wird insbesondere etwa im Rahmen von Bildungsarbeit und Organisationsentwicklungskonzepten hinterfragt. Dabei zeigt sich, dass ‚Gender‘ als soziale Strukturkategorie dient, die durch gegenläufige Strategien – nämlich ‚undoing gender‘ – aufgebrochen werden muss.

Gender muss Vielfalt von Identitäten und Lebenslagen umfassen

Im Zentrum steht dass ‚Gender‘ nicht eindimensional ist, sondern mehrere Dimensionen umfasst - nämlich Vielfalt und Pluralität männlicher und weiblicher Identitäten und Lebenslagen.  Diese werden eben  nicht durch Geschlecht allein, sondern durch ein Zusammenspiel von Ethnizität, Klasse, Sexualität, Religion, Behinderung, Gesundheit u.a. konstituiert. Eine solche Betrachtungsweise, die als ‚Intersektionalität’ bezeichnet wird, sollte in die Grundlagen der Begleitung junger Frauen und Männer bei ihrer Erfahrungs- und Kompetenzentwicklung für ihre Berufswahl Eingang finden. Auf diese Weise können erst die Anforderungen junger Frauen an Ausbildung und Berufstätigkeit sichtbar werden, so dass Betriebe und berufliche Schulen erkennen können, was sie bei sich verändern müssen, um (auch) für junge Frauen attraktiv(er) zu werden.

 

 Weitere Informationen:

  • Beicht, Ursula und Walden, Günter: Berufswahl junger Frauen und Männer: Übergangschancen in betriebliche Ausbildung und erreichtes Berufsprestige BIBB-Report 4/2015.
  • BMBF (Hrsg.): ‚Geschlecht und Berufswahl – Horizonte erweitern. Gute Praxis: Gender im Berufsorientierungsprogramm. Bonn 2014.
  • Schmidt-Thomae, Anja: Berufsfindung und Geschlecht: Mädchen in Technisch-Handwerklichen Projekten. Wiesbaden 2012.
  • Puhlmann, Angelika und Gutschow, Katrin: Berufsorientierung junger Frauen im Wandel, 2011.
  • Esch, Marion und Grosche, Jennifer: Fiktionale Fernsehprogramme im Berufsfindungsprozess – Ausgewählte Ergebnisse einer bundesweiten Befragung von Jugendlichen. In: MINT und Chancengleichheit in fiktionalen Fernsehformaten. Dokumentation der ersten internationalen MINTiFF-Konferenz 2010. BMBF (Hrsg.), Bonn und Berlin 2011, S. 16-31.
  • Franzke, Bettina: Vermittlung von Berufsbildern. Wirkung und Relevanz von Rollenmustern und Geschlechterstereotypen bei der Beratung junger Menschen. Hochschule der Bundesagentur für Arbeit, Bericht Nr. 2, Mannheim 2010.
  • Struwe, Ulrike und Wentzel, Wenka: Berufsimages aus der Sicht von Girls’Day-Teilnehmerinnen. Ein Längsschnittvergleich zur Einschätzung technischer und sozialer Berufe durch Teilnehmerinnen des Girls’Day. Bielefeld 2010.

Angelika Puhlmann ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bundesinstitut für Berufsbildung und stellvertretende Leiterin des Arbeitsbereichs Übergänge in Ausbildung und Beruf, Berufsorientierung/Berufsorientierungsprogramm.

Dieser Artikel ist Teil des Infobriefs "frau geht vor" der DGB Frauen.


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