Deutscher Gewerkschaftsbund

14.10.2016

Berlin ehrt Gewerkschafterin Emma Ihrer

Von nichts kommt nicht! Das wusste auch Emma Ihrer. Unermüdlich kämpfte sie ab Mitte des 19. Jahrhunderts unter widrigen Umständen für die Organisation der proletarischen Frauen und deren Rechte als Frauen und Arbeiterinnen. Auf ihre Initiative geht auch die Gründung des Arbeiterinnensekretariates bei der Generalkommission der Gewerkschaften im Jahr 1905 zurück – Vorläufer der heutigen Abteilung Frauen-, Gleichstellungs- und Familienpolitik beim DGB- Bundesvorstand. Der Berliner Senat würdigt Emma Ihrer am 14.10. 2016 für ihr beeindruckendes und viel zu selten erwähntes Wirken mit einer Gedenktafel an ihrem letzten Wohnhaus in Pankow.

Porträt Emma Ihrer

AdsD / Friedrich-Ebert-Stiftung

Emma Ihrer, eine der frühen Protagonistinnen der Arbeiterinnenbewegung, wurde am 3. Januar 1857 in Glatz geboren. Nach der frühen Heirat mit dem Apotheker Emanuel Ihrer zogen beide gemeinsam nach Berlin. Ihr Eintritt bei der SPD Anfang der 1880er Jahre verdeutlicht, dass Emma Ihrer schon in frühen Jahren bewusst war, wie notwendig es ist, gleiche Interessen zu organisieren, um wirkungsvoller für sie einstehen zu können.

Sie selbst wuchs in einer Zeit auf, in der Frauen jedwede politische Beteiligung oder gar Organisierung in Vereinen durch das Preußische Vereinsgesetz verwehrt wurde. Die Begriffsdefinition von „politisch“ unterlag dabei allein der Polizei und wurde unter ihr ein sehr dehnbarer Begriff. Besonders für die proletarischen Frauen verschärfte sich die Lage zudem durch das Sozialistengesetz aus dem Jahr 1878.

Doch die doppelte Entrechtung der Frauen bestärkte Emma Ihrer in ihrem Tatendrang. Die seit den 1880er Jahren stetig steigende Frauenerwerbstätigkeit und die große materielle Not der Arbeiterinnen verlangten gerade angesichts der rechtlosen Stellung der Frau vielfältige Initiativen, darüber waren sich Emma Ihrer und ihre Mitstreiterinnen einig.

Aufgrund der erbärmlichen und der unwürdigen Behandlung durch die Arbeitgeber blieb den Arbeiterinnen nicht nur jede Existenzsicherung verwehrt, sondern auch ein menschenwürdiges Leben. Sowohl hinsichtlich der Arbeitszeiten als auch in Bezug auf den Lohn waren die Arbeiterinnen der Willkür der Arbeitgeber ausgeliefert. Ihre Situation war tatsächlich prekär.

Die Rahmenbedingungen erforderten von Emma Ihrer viel Kreativität

Mit viel Raffinesse, Einfallsreichtum und Intelligenz machte Emma Ihrer trotz dieser wirtschaftlichen und politischen Gegebenheiten und ihrer eigenen rechtlosen Stellung als Frau, Berlin zum Schauplatz ihrer Frauenagitationsarbeit. Um die vielen Hindernissen zu überwinden, setzte sie in ihre Agitationsarbeit auf verschiedenen Ebenen an. Zahlreiche Vereinsgründungen gehen auf ihre Mitwirkung zurück. Sie veröffentlichte politische Schriften, gab Zeitschriften heraus und war als Rednerin präsent.

Rückblickend äußerte sich Emma Ihrer sehr kritisch über den ersten, von ihr geführten „Frauen Hilfsverein für Handarbeiterinnen“(1881) und bezeichnete ihn als „kleinliche Reformarbeit“. Doch diese und weitere von ihr initiierten oder inspirierten Vereinsgründungen waren maßgeblich von dem Willen getragen, die materielle Lage der Arbeiterinnen zu verbessern. Und einige Erfolge ließen sich vorweisen. Besonders der 1885 gegründete Verein zur Wahrung der Interessen der Arbeiterinnen fand über die proletarischen Kreise hinweg Beachtung. Durch verschiedene Materialien bereitete er nicht nur erstmalig Fakten zur Situation der Frauen in den verschiedenen Branchen auf und sorgte für deren Veröffentlichung. Er setzte sich ausdrücklich auch für die Anhebung der Löhne und bessere Arbeitsbedingungen ein.

Gegenwind erschwerte die Entwicklung der Frauenbewegung

Mit ihrer Willensstärke und Unermüdlichkeit hielten Emma Ihrer und ihrer Mitstreiterinnen die Berliner Polizei durch zahlreiche Vereinsgründungen ständig auf Trab. Doch letztlich behielt die Ordnungsmacht die Oberhand: Viele der Frauenvereine fanden aufgrund der von ihnen angeblich ausgehenden Gefahr zur „Aufreizung zum Klassenhass“ ein jähes Ende und die Verantwortlichen landeten nicht selten vor Gericht. Letztendlich führte Emma Ihrers politische Tätigkeit sogar dazu, dass ihr Mann seine Apothekerlizenz verlor.

Neben den wiederholten Verboten verstärkte der Gegenwind in den eigenen proletarischen Reihen die Enttäuschung der aktiven Frauen. Die organisierten männlichen Arbeiter sahen in der Frauenerwerbstätigkeit lediglich ein „notwendiges Übel“ und sahen in den Arbeiterinnen in erster Linie „Schmutzkonkurrenz“. Nicht selten verwehrten die Kollegen Emma Ihrer und ihren Mitstreiterinnen die Zusammenarbeit. Doch die Frauen waren der festen Überzeugung, dass eine proletarische Bewegung gegen die Ausbeutung durch das Kapital nur erfolgreich sein könne, wenn Arbeiter und Arbeiterinnen gemeinsam stritten.

Carl Legien unterstützte tatkräftig und wirkungsvoll die Frauenbewegung

Dennoch wurde Emma Ihrer nach dem Fall der Sozialistengesetze bei der Konstituierung der Generalkommission der Gewerkschaften (1890) als einzige Frau neben sechs Männern in dieses Gremium gewählt, an dessen Spitze Carl Legien stand. Er unterstützte die Agitationsbemühungen der Frauen, förderte Untersuchungen über die Entwicklung der Frauenerwerbstätigkeit und die Lage der Arbeiterinnen und setzte 1905 sogar die Gründung eines Arbeiterinnensekretariates und die Beschäftigung der ersten Frauensekretärin Ida Altmann durch.

Das Schaffen Emma Ihrers hat viele Weichen gestellt für die Frauen, die sich später in gleicher Sache engagiert haben. Luise Zietz, eine ihrer Mitstreiterinnen würdigte sie als „kraftvolle, charakterfeste Persönlichkeit“, die „immer alles getan (habe), um auch bei anderen das Selbst- und Persönlichkeitsgefühl zu wecken und zu stärken.“

Auch Dank der von Emma Ihrer und ihren Mitstreiterinnen initiierten proletarischen Frauenbewegung haben sich gesellschaftliche Lage und rechtlicher Status der Frau grundlegend verändert  - und dennoch ist mehr als hundert Jahre später noch immer eine beachtliche Wegstrecke bis zur tatsächlichen Gleichstellung von Frauen und Männern zurückzulegen.

Nach wie vor besteht Handlungsbedarf hinsichtlich der Gleichstellung von Frau und Mann…

Obwohl die Erwerbstätigkeit von Frauen stetig steigt, können viele von ihnen auch heute weder kurzfristig, geschweige denn langfristig eigenständig ihre Existenz sichern – mit entsprechenden Auswirkungen auf die Alterssicherung. Grund dafür ist auch die hohe Teilzeitquote von Frauen, deren Ursache vor allem in den Schwierigkeiten bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf liegt. Trotz allmählicher Lockerung der Geschlechterrollenverteilung sind es nach wie vor Frauen, die den Großteil der unbezahlten Haus- und Sorgearbeit leisten.

Noch immer verdienen Frauen im Durchschnitt 22% weniger als Männer. Noch immer gilt, wozu Emma Ihrer schon 1885 im Kampf um Lohnungerechtigkeit aufgerufen hat: „Wir müssen uns aufraffen und im Namen der Gerechtigkeit eine Forderung erheben, deren Erfüllung Rettung verheißt: Lohngleichheit der Männer und Frauenarbeit!“

Es ist erschreckend und beeindruckend zugleich, wie zeitlos manche Forderungen sind. Die Arbeit der Frauen im DGB knüpft deshalb an eines der Kernanliegen Emma Ihrers an: der wirtschaftlichen Unabhängigkeit der Frauen. Sie formulierte in ihrer politischen Schrift „Die Organisation der Arbeiterinnen“:  „… so liegt es in der Natur der großen Bewegungen, dass sie nicht gleich in voller Stärke erwachen; auch der größte Strom setzt sich zusammen aus kleinen, unscheinbaren Wasserfällen!“ Ihr Leben steht dabei exemplarisch für diese Philosophie.

Ob Emma Ihrer gegen Ende ihres Lebens wohl bewusst war, wie groß die von ihr initiierte Bewegung war? Vermutlich nicht. Ihre Grabsteininschrift gibt Hinweise darauf, dass sie in ihrem Leben nicht viel über sich selbst nachgedacht hat sondern ihr Leben für die anderen gelebt hat: „Zu wirken für andere war ihres Lebens ergiebigster Quell“. Umso schöner ist es deshalb, dass heute an Emma Ihrer gedacht wird. Dass sie aus der Vergessenheit in die Erinnerung gerufen wird - und ihr eine Berliner Gedenktafel gewidmet ist. Sie hat diese Wertschätzung und Würdigung verdient. Die Frauen des DGB denken dankbar an sie zurück!

Autorin: Siglinde Peetz


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